Wichtige Orientierung vor dem Start
BDSM bedeutet Bondage (erotisches Fesseln), Dominanz/Disziplin, Submission (Unterwerfung), Sadismus und Masochismus. Seit 2019 wurde das einvernehmliche Praktizieren von BDSM aus dem ICD gestrichen. So ist der sogenannte Sadomasochismus im ICD-11 nicht mehr unter den Paraphilien zu finden.
Paraphilien (ein altgriechisches Wort: para = daneben und philia = Liebe) sind „durch anhaltende und intensive Muster atypischer sexueller Erregung gekennzeichnet, die sich in sexuellen Gedanken, Fantasien, dranghaften Bedürfnissen oder Verhaltensweisen äußern, die sich auf andere Personen beziehen, die aufgrund ihres Alters oder ihres Status nicht einwilligungsfähig oder -willig sind“ (ICD-11). Während „Diagnosen, die konsensuelle sexuelle Praktiken und Solosex-Aktivitäten einschließen, das heißt „Fetischismus“, „fetischistischer Transvestitismus“ und „Sadomasochismus“, werden bei nicht zu erwartendem prinzipiellem Leidensdruck oder Funktionseinbußen gestrichen“ (Quelle: Landesärztekammer Hessen).
Dieses Hintergrundwissen ist wichtig, damit wir gleich zu Beginn dieses Beitrags mit einem häufigen Irrtum aufräumen können: BDSM-Praktiken haben nichts mit leidbringenden, unethischen oder sogar missbräuchlichen Verhaltensweisen zu tun. Ich setze dem Begriff „BDSM-Praktiken“ also ausschließlich die Beteiligung freiwilliger, erwachsener und ebenbürtiger Menschen voraus.
Jetzt, wo die „Spielregeln“ und der Rahmen klar sind, können wir mit der Reflexion starten.
Kann ein Dominanz-Unterwerfung-Verhältnis tatsächlich ein Ausdruck von Selbstbestimmung werden? Klingt das nicht paradox?
Obwohl unsere aktuelle Gesellschaft das Praktizieren von BDSM nicht als krankhaft einstuft, höre ich immer wieder abwertende Bezeichnungen für diese Praktiken. Meistens werden sie als „Perversion“ oder „Abartigkeit“ bezeichnet.
Warum Perversion
Aber wieso? Das Wort Perversion bedeutet wortwörtlich „Verdrehung“, also etwas Umgekehrtes. Umgekehrt zu was? Da denke ich sofort daran, dass sich diese Umkehrung auf die gesellschaftlich wahrgenommene Normalität bezieht. Eine Perversion ist also etwas, das anders ist als das, was die Mehrheit der Menschen als normal empfindet.
Der Begriff Perversion wird ausschließlich im sexuellen Bereich verwendet. BDSM-Praktiken werden also umgangssprachlich noch immer als etwas „Umgekehrtes“ zu dem gesehen, was Sex eigentlich sein sollte. Spannend ist, dass homosexuelle Menschen vor einiger Zeit ebenfalls als „andersrum“ bezeichnet wurden. Es klingt also plausibel, dass unsere Gesellschaft sprachlich mit „umgekehrt“ Menschen und Praktiken benennt, die gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen.
Warum aber empfindet unsere Gesellschaft BDSM als so verkehrt?
Im alten Griechenland waren BDSM-Praktiken etwas völlig Normales. Petronius erzählt in seinem Satyricon, wie Männer und Frauen, um sexuelle Lust zu erleben, sich fesseln, schlagen und demütigen lassen. Diese Praktiken wurden sowohl homo- als auch heterosexuell ausgeführt sowie sowohl zu zweit als auch in Gruppen praktiziert.
Nur ein Beispiel:
„Die Dienerin holte zwei Binden direkt von ihrer Brust hervor; mit der einen band sie uns die Füße und mit der anderen die Hände zusammen.“
(Petronius, Satyricon)
In der mittelalterlichen Gesellschaft wurden solche Praktiken nur angedeutet. Dante Alighieri schreibt in einem Gedicht seiner Gedichtsammlung Rime, dass er gerne eine Frau, für die er Gefühle hatte, schlagen würde. Dies wird eindeutig in einen sexuellen Kontext gestellt.
Warum wurde das Thema BDSM-Praktiken im Mittelalter nicht mehr direkt angesprochen? Der Einfluss der Kirche hat sicherlich dazu beigetragen, dass das gesellschaftliche Bild von Sexualität klar definiert wurde: heterosexuell, ehelich, monogam und auf Fortpflanzung ausgerichtet. Alles andere wurde als Sünde und eben als Perversion, also als Umkehrung der Norm, bezeichnet.
Kein Wunder also, dass unsere westliche Gesellschaft, die unter anderem auf christlichen Werten beruht, sexuellen Praktiken wie BDSM (und auch Homo- und Transsexualität) noch immer häufig mit Skepsis oder Ablehnung begegnet. Diese Praktiken dienen weder zwingend der Fortpflanzung – Genitalien stehen bei BDSM nicht unbedingt im Mittelpunkt – noch werden sie ausschließlich heterosexuell praktiziert.
Noch ein Aspekt, den ich interessant finde: BDSM-Praktiken „spielen“ mit Kontrolle. Einerseits wird Kontrolle übernommen (Dominanz), andererseits abgegeben (Unterwerfung). Dieser Kontrollverlust kann bei Menschen, die damit konfrontiert werden, Ängste oder Widerstand auslösen.
Außerdem zeichnen sich BDSM-Praktiken durch Ambivalenzen aus. Unsere Gesellschaft tendiert dazu, Dinge einzuordnen und in Kategorien zu stecken. Situationen, Gefühle oder Erfahrungen, die unklar, fluid oder ambivalent sind, lösen deshalb häufig Widerstand aus. Alles, was sich nicht eindeutig einordnen lässt, entzieht sich auf gewisse Weise unserer Kontrolle. Wo liegen also die Ambivalenzen im BDSM?
Ambivalenz: Schmerzvolle Lust & lustvoller Schmerz
Das mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, aber es gibt Menschen, die im Rahmen sexueller Erlebnisse bestimmte Schmerzen empfinden oder zugefügt bekommen möchten, um Lust zu erleben. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen krank oder traumatisiert sind, wie ich oft höre.
An dieser Stelle stellt sich mir eine Frage: Wer entscheidet, welcher Schmerz eine negative Empfindung ist und welcher als lustvolle Körpererfahrung erlebt wird? Das kann letztlich nur jede Person für sich selbst entscheiden.
„Wer geschlagen, gepeitscht, gewürgt oder beschimpft werden möchte, ist krank!“ Dieser Satz sagt vor allem etwas über die Person aus, die ihn äußert: Sie mag diese Praktiken nicht oder hat zumindest eine starke Abwehr dagegen, sie auszuprobieren. Niemand muss bestimmte schmerzhafte Körperempfindungen mögen. Genauso wenig sollte aber eine Person als „krank“ bezeichnet werden, weil diese Empfindungen für sie lustvoll sind.
Doch weg von dieser Abwehrhaltung gegenüber der Ambivalenz: BDSM bedeutet natürlich nicht nur „Ich möchte geschlagen, gepeitscht, gewürgt, gefesselt oder beschimpft werden“, sondern beschreibt eine komplexe Dominanz-Unterwerfung-Dynamik, die sexuell genossen wird.
Sexuelle Ausdrucksformen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Es gibt daher weder die eine Art noch die „richtige“ Art, BDSM zu praktizieren. Manche erleben die Dynamik eher verbal, andere körperlich, psychisch oder durch Blicke und Gesten – oder durch eine Kombination daraus. Außerdem kann jede Person BDSM mit unterschiedlichen Menschen unterschiedlich erleben.
BDSM-Praktiken müssen auch nicht unbedingt Genitalien einbeziehen oder zu einem Orgasmus führen, um als lustvoll empfunden zu werden. Sexualität ist ein viel weiter gefasster Begriff, als sie in unserer Gesellschaft häufig dargestellt wird.
Unabhängig von jeder Individualität steht eines fest: Wenn eine sexuelle Vorliebe niemandem schadet und im Einvernehmen zwischen ebenbürtigen Erwachsenen gelebt wird, ist sie keinesfalls krankhaft und sollte nicht abgewertet werden.
Das gilt selbstverständlich auch für Menschen, die die dominante Rolle übernehmen. Auch sie möchten ihrem*r Partner*in und sich selbst Lust schenken und nicht jemanden verletzen.
Vielleicht lohnt sich hier folgende Reflexion: Warum werden bestimmte Körperempfindungen gesellschaftlich als „nicht passend“ für Sexualität oder grundsätzlich negativ bewertet?
Schmerz ist per se eine Körperempfindung. Er ist an sich weder gut noch schlecht. Problematisch wird er, wenn er unfreiwillig erlebt wird (auch im Fall von einer Krankheit oder Verletzung), zu negativen Gefühlen oder Wahrnehmungen führt oder Resultat von Gewalt, Übergriffen oder Missbrauch ist.
Auch Gefühle wie Wut, Trauer, Neid, Eifersucht oder Enttäuschung werden gesellschaftlich häufig als „schlecht“ eingeordnet. Dabei sind sie nicht per se schlecht.
Vielleicht ist es einfach so, dass wir keine absolute Klarheit darüber haben können, was „gesund“, „krank“, „gut“ oder „schlecht“ ist.
Ambivalenz: „Bitte respektiere meine Grenzen.“ & „Überschreite meine Grenzen, bitte!“
BDSM-Praktiken „spielen“ mit Grenzen. Viele Menschen erleben sie sogar als Grenzerfahrung. Die Dominanz-Unterwerfung-Dynamik besteht unter anderem darin, dass bestimmte Grenzen der unterworfenen Person von der dominanten Person überschritten werden. Unter bestimmten Voraussetzungen und in bestimmten Situationen kann genau das bei allen Beteiligten Lust auslösen.
Damit diese Dynamik einvernehmlich und ethisch gestaltet werden kann, entsteht ein scheinbarer Widerspruch: Die Person, die sich unterwirft, entscheidet selbst darüber, welche Grenzen, auf welche Weise und wie weit überschritten werden dürfen. Erst danach wird die Kontrolle innerhalb dieses vereinbarten Rahmens abgegeben und genau dort mit Grenzen gespielt.
Deshalb ist eine klare Kommunikation darüber, was man möchte, mag und kann, im BDSM unverzichtbar.
Die Grenzerfahrung „Überschreite meine Grenzen, bitte!“ setzt also voraus, dass zuvor klar kommuniziert wurde: „Bitte respektiere meine Grenzen.“
Das mag widersprüchlich wirken – vielleicht ist es das auch. Ohne diesen Widerspruch wäre die Dominanz-Unterwerfung-Dynamik jedoch nicht sicher. Und ohne Sicherheit können Menschen sich in der Regel nicht fallen lassen und sexuelle Lust erleben. Die Grundlage für eine gelungene Grenzerfahrung, die sich innerhalb eines sicheren Rahmens bewegt und dennoch mit Grenzen spielt, sind Transparenz, eine klare Kommunikation und Vertrauen.
Grenzen, Transparenz und Vertrauen als Basis
Das Wort Vertrauen wird häufig verwendet. Aber was bedeutet Vertrauen eigentlich?
Es gibt natürlich nicht nur eine Definition. Typisch für Vertrauen ist aber der Vertrauensvorschuss. Wir vertrauen einer anderen Person, wenn wir ihr etwas von uns geben – ganz gleich welcher Art -, ohne absolute Sicherheit zu haben, dass sie dieses Vertrauen nicht missbraucht. Gleichzeitig kontrollieren wir dies nicht fortlaufend.
Ein Vertrauensverhältnis ist dann tragfähig, wenn dies auf Gegenseitigkeit beruht und entweder kein Vertrauensbruch entsteht oder ein Vertrauensbruch gemeinsam reflektiert und wieder aufgelöst werden kann.
Was bedeutet Vertrauen im BDSM?
Es bedeutet, dass sich alle beteiligten Personen darauf verlassen können, dass Grenzen ausgesprochen oder auf andere Weise kommuniziert, respektiert und gemeinsam reflektiert werden.
Sowohl Menschen, die sich unterwerfen, als auch diejenigen, die die dominante Rolle übernehmen, müssen die Sicherheit haben, dass Grenzen klar definiert und respektiert werden.
Wie kann das gelingen?
Durch Codewörter, Gesten, Blicke oder Bewegungen. Je nachdem, wie gut sich Menschen kennen und welchen Kommunikationsstil sie in ihrer Sexualität entwickelt haben, wird sich dies unterscheiden.
Entscheidend ist, dass auf beiden Seiten die Sicherheit besteht, dass Grenzen signalisiert und respektiert werden.
Nur auf dieser Vertrauensbasis kann ein sicherer Raum entstehen, in dem Dominanz-Unterwerfung-Dynamiken, Disziplin, Strafen, Grenzerfahrungen und Hingabe erotisch gelebt werden können.
Genau das macht auch den grundlegenden Unterschied zwischen BDSM und Missbrauch aus. BDSM-Situationen sind sogar strenggenommen zu einem Missbrauch völlig gegensätzlich.
BDSM-Praktiken finden in Sicherheit und im Einvernehmen aller Beteiligten statt.
Auch Menschen, die sich unterwerfen und aus dieser Rolle sexuelle Lust ziehen, handeln dabei bewusst und kennen ihre eigenen Grenzen – auch dann, wenn sie während einer BDSM-Session die Kontrolle abgeben.
Das Bild der jungen, unterworfenen und unerfahrenen Frau, das häufig in Filmen oder der Pornografie vermittelt wird, entspricht der Realität von BDSM-Praktiken daher eher nicht. Das bedeutet nicht, dass man während einer Session nicht mit solchen Rollenbildern „spielen“ kann. Die Grundlage für ethische BDSM-Praktiken ist jedoch die Mündigkeit und das Bewusstsein aller Beteiligten.
Dieses Bewusstsein setzt eine gewisse Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und den eigenen Grenzen voraus. Diese kann leider häufig nicht stattfinden, weil Menschen mit BDSM-Neigungen, -Fantasien oder -Wünschen sich oft schämen, diese sich selbst einzugestehen, sie dem*r Partner*in mitzuteilen oder offen in die Wahl ihrer Sexualpartner*innen einzubeziehen.
Die Angst besteht häufig darin, dass diese Neigungen oder Fantasien falsch, pervers oder krank sein könnten. Ein gesellschaftlich wertfreier Umgang mit BDSM würde Menschen dabei unterstützen, sich in ihrem sexuellen Geschmack, ihrem sexuellen Ausdruck und auch in der Kommunikation darüber freier zu fühlen.
Doch auch Menschen, die sich trauen, darüber zu sprechen und entsprechende Partner*innen zu suchen oder BDSM gemeinsam in ihrer Partnerschaft zu erkunden, können mit unterschiedlichen Fragen und Zweifeln konfrontiert werden.
Ich sehe die psychosoziale Beratung unter anderem als einen sicheren und wertfreien Ort, an dem diese Fragen, Zweifel und auch unausgesprochene Wünsche Platz haben dürfen.
Themen, die dabei häufig auftauchen, sind beispielsweise:
- Ich habe BDSM-Fantasien und kann sie nicht aussprechen.
- Welche BDSM-Wünsche kann ich in meiner Partnerschaft umsetzen und welche nicht?
- Welche Rolle habe ich – und warum?
- Wie finde ich heraus, welche Rolle zu mir passt?
- Was ist mit Rollenwechseln?
- Ist es in Ordnung, wenn ich ausschließlich Dom oder Sub sein möchte?
- Welche Art der Unterwerfung spricht mich an (physisch, psychisch, verbal oder emotional)?
- Welche Art der Dominanz entspricht mir und wo liegen dabei meine Grenzen?
- Ist es normal, dass ich diese Dominanz-Unterwerfung-Dynamik nur mit einem bestimmten Geschlecht genieße?
- BDSM und Queerness.
- Kann ich BDSM nur unter bestimmten Voraussetzungen oder in bestimmten Rollenspielen praktizieren?
- BDSM ohne Beteiligung der Genitalien.
- BDSM in einer romantischen Beziehung.
- BDSM und Augenhöhe im Alltag.
- BDSM-Elemente in den Alltag einfließen lassen – ja oder nein?
- BDSM-Wünsche in einer Partnerschaft: beiderseitig oder einseitig.
- Wenn ich als Frau* Sub bin – bin ich deshalb weniger emanzipiert?
- Begleitung bei transparenter Kommunikation und der Entwicklung von Spielregeln (Codewörter, Codegesten usw.).
- Eine unbeabsichtigte Grenzverletzung in einer BDSM-Session gemeinsam reflektieren.
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen benötigt – je nach Person – mehr oder weniger Begleitung, in jedem Fall aber einen sicheren, wertschätzenden sowie BDSM- und kinkaffirmativen Raum, in dem diese Gedanken und Gefühle überhaupt ausgesprochen werden können.
Abschluss: Ist unsere Gesellschaft heuchlerisch?
Zum Abschluss noch eine Reflexion:
Obwohl unsere Gesellschaft Kink und BDSM teilweise immer noch als etwas „Perverses“ oder „Krankes“ betrachtet – was ein offenes Sprechen darüber zusätzlich erschwert und mit Scham besetzt -, lehnt sie Machtdynamiken innerhalb der Sexualität keineswegs grundsätzlich ab.
Ich denke dabei an bekannte Klischees, die in Filmen, Romanen und auch in der Pornografie immer wieder dargestellt und kollektiv oft als „normal“ wahrgenommen werden.
Zum Beispiel: der Chef und die junge Sekretärin, der Professor und die Studentin oder der Arzt und die Patientin.
Ich habe diese Beispiele bewusst nicht gegendert, weil in diesen Klischees sehr häufig die jüngere, untergeordnete Person eine Cis-Frau und die ältere dominante Person ein Cis-Mann ist.
Natürlich existieren auch Fantasien, in denen diese Dynamik umgekehrt ist oder überhaupt nicht heterosexuell gestaltet wird. Dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass viele gesellschaftliche Klischees auf dem Bild des wohlhabenden, erfolgreichen und älteren Cis-Mannes beruhen, der eine jüngere, unerfahrene und attraktive Cis-Frau sexuell dominiert oder ausnutzt.
Interessant ist, dass genau diese Klischees auch auf Pornoplattformen wie Pornhub und ähnlichen Seiten besonders häufig zu finden sind. Nur als kleines abschreckendes Detail: Die Frauen wirken dort häufig bewusst wie sehr junge Mädchen, obwohl sie selbstverständlich volljährig sein müssen. Dadurch wird das wahrgenommene Machtgefälle zusätzlich verstärkt.
Hat das etwas mit BDSM-Praktiken zu tun?
Die Antwort ist eindeutig: Nein.
Die Grundlage von BDSM ist genau das Gegenteil dieser Klischees. Nur Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen, transparent über ihre Grenzen sprechen und vollkommen freiwillig an dieser Dynamik teilnehmen, können ein Dominanz-Unterwerfung-Verhältnis ethisch gestalten und gleichzeitig genießen.
Wenn tatsächlich ein Abhängigkeitsverhältnis besteht – wie in den drei genannten Klischees -, ist es deutlich schwieriger, eine wirkliche Augenhöhe zu erreichen. Damit möchte ich nicht sagen, dass dies unmöglich oder grundsätzlich falsch ist. Solche Situationen stellen jedoch Ausnahmen dar und sollten individuell sowie mit viel Reflexion betrachtet werden.
Mit diesen Klischees meine ich selbstverständlich niemals die realen Menschen, sondern ausschließlich das gesellschaftliche Klischee und das dahinterstehende Konstrukt. In der Realität ist jede Situation individuell und natürlich komplexer.
Gehen wir nun noch einmal zu diesen Klischees zurück: Solche Machtbeziehungen werden häufig in Filmen, Serien, Romanen, der Pornografie und anderen Medien erotisiert dargestellt. BDSM-Praktiken hingegen werden entweder gar nicht oder häufig fälschlich dargestellt. Denken wir beispielsweise an Mainstream-Pornografie oder Filme wie Fifty Shades of Grey, in denen Einvernehmen und Augenhöhe oftmals gerade nicht gegeben sind.
Natürlich gibt es auch Darstellungen, die BDSM in seiner Tiefe, Komplexität und Ethik zeigen. Diese sind aber nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel.
Warum wird die Darstellung von Machtbeziehungen im sexuellen Kontext teilweise gesellschaftlich toleriert, während ein reflektierter, positiver und queerer Diskurs über BDSM-Praktiken häufig ausgelassen oder sogar als „pervers“ beziehungsweise „krank“ bezeichnet wird?
Was BDSM-Praktiken jedenfalls ermöglichen können, ist ein hohes Maß an Selbstbestimmung aller Beteiligten. Eine Grenzerfahrung kann nur dann lustvoll erlebt werden, wenn Menschen ihre eigenen Grenzen und die ihres Gegenübers kennen, diese gemeinsam erkunden und ihnen mit Wertschätzung begegnen.
Zum Schluss noch ein Gedanke:
Das Praktizieren von BDSM kann – wenn der Umgang damit reflektiert, verantwortungsvoll und reif ist – Menschen dabei unterstützen, Sexualität als etwas Vielfältigeres und Freieres zu verstehen. Es kann dazu beitragen, sich selbst, die eigenen Grenzen und die Grenzen anderer Menschen besser kennenzulernen. Dadurch können Menschen zu mündigen und bewussten sexuellen Individuen werden, die sich weniger von gesellschaftlichen Kategorien einengen lassen.
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