Reihe: „Normen und Alltag“: Rund um Lautstärke

In diesem Artikel

In dieser Reihe möchte ich einmal etwas anderes schreiben als die für mich „gewöhnlichen“, eher essayistischen Texte. Ich möchte – vollständig anonymisiert – Alltagsbeobachtungen und Begegnungen beschreiben, die in mir Gedanken zum Thema „gesellschaftliche Normen und Menschen“ angestoßen haben.

Ich werde nie beschreiben, wo diese Beobachtungen stattfinden (Bezirk, Namen von Lokalen oder Schulen, Öffis-Linien usw.). Die Szenen sind außerdem verändert und teilweise ausgeschmückt, sodass niemand erkannt werden könnte. Diese Ereignisse betreffen nie Menschen, die ich persönlich kenne.

Die Szenen stammen auf keinen Fall aus Geschichten meiner Klient*innen oder aus Beratungen – auch nicht anonymisiert.

Es geht mir um Reflexionen, die beiläufig durch unbekannte Menschen im Alltag ausgelöst werden. Was von der Alltagsszene tatsächlich erhalten bleibt, sind die Inhalte der Gespräche, das Verhalten der Menschen und meine anschließende Reflexion. Es geht dabei auch gar nicht darum, was Menschen tun oder ob etwas richtig oder falsch ist, sondern um die Norm. Die gesellschaftliche Norm ist hier die Hauptprotagonistin.

Das Ziel ist also nie Verhaltensweisen oder Menschen selbst zu bewerten, es geht nie um Richtig oder Falsch, sondern immer nur um gesellschaftliche Normen und Erwartungen und wie diese unseren Alltag beeinflussen.

Beobachtung 1

Es ist die letzte Schulwoche. In einer U-Bahn in Wien steigt eine Volksschulklasse gemeinsam mit ihrer Lehrkraft ein. Die Kinder sind deutlich laut und aufgeregt und hören nicht darauf, was die Lehrkraft sagt. Der Lehrer hebt die Stimme und konfrontiert die Schüler*innen bereits mehrmals damit, dass sie mit ihrem Verhalten und ihrer Lautstärke andere Menschen stören könnten.

Eine Person mit einer psychischen Erkrankung sitzt neben dem Lehrer, der gerade seine Schüler*innen maßregelt. Die Person spricht mit sich selbst und regt sich über mehrere politische Situationen auf. Mehrere Menschen schauen bereits in Richtung dieser Person und reagieren auf unterschiedliche Weise. Einige schütteln den Kopf, andere ignorieren die Situation und wieder andere belächeln das Verhalten.

Die Kinder werden trotz Ermahnungen immer lauter. Plötzlich schreit der Lehrer zwei Kinder an und droht ihnen lautstark, dass sie sich entweder sofort benehmen oder sofort in die Schule zurückkehren. Kurz ist es leise.

Die Person, die weiter selbstgesprochen hatte, schaut den Lehrer an und sagt ihm vorwurfsvoll: „Seien Sie nicht so streng! Nicht schreien!“ Anschließend führt sie ihr aufgeregtes Selbstgespräch weiter.

Der Lehrer lacht die Person laut aus, dreht sich ungläubig zu den anderen Menschen, die die Situation beobachten, und murmelt vor sich hin: „Spinner.“

Obwohl diese Person den Lehrer gar nicht mehr anschaut, wirkt dieser immer noch betroffen und macht mit der Hand gegenüber einer anderen Person die Geste: „Er ist verrückt.“ Der angesprochene Fahrgast lächelt den Lehrer an und bestätigt ihn.

Kurz darauf steigt die Klasse gemeinsam mit der Lehrkraft aus der U-Bahn aus.

Was ist hier passiert?

Ich sehe in dieser Situation ganz viele gesellschaftliche Normen, die Menschen dazu führen, so zu handeln, wie sie handeln.

Erstens: Der Lehrer wirkt sehr gestresst. Die Kinder sind laut und seine Sorge ist: „Ihr stört die ganze Bahn!“

Da ist schon die erste Norm: Kinder müssen leise sein und sich benehmen. Der Lehrer ist dafür verantwortlich.

Nach mehreren Versuchen, die Kinder zu bändigen, wirkt der Lehrer noch gestresster, sodass er selbst schreit. Sicher bin ich natürlich nicht, aber für mich schwingt hier eine gewisse gesellschaftliche Erwartung mit: Eine gute Lehrkraft hat die Kinder im Griff.

Die Person mit der psychischen Erkrankung, die plötzlich auf das Schreien reagiert, drückt verbal klar aus, was wahrscheinlich viele gedacht haben (ich wenigstens kurz auch): „Seien Sie nicht so streng und schreien Sie nicht lauter als die Kinder!“

Das ist aber ebenfalls eine gesellschaftliche Norm: „Man schreit nicht in den Öffis“ und „Man ist nicht streng zu Kindern.“

Hier wird es meiner Meinung nach sehr spannend:

Der Lehrer reagiert deutlich betroffen und beleidigt die Person, indem er sie aufgrund ihrer Erkrankung sogar als „Spinner“ bezeichnet.

Hier treffen sogar zwei Normen aufeinander.

Die psychisch erkrankte Person verhält sich „anders“: Sie spricht ohne logischen Zusammenhang mit sich selbst und drückt laut aus, was sie gerade über die Situation denkt. Sie entspricht damit bereits nicht der gesellschaftlichen Norm.

Gleichzeitig kritisiert sie eine Lehrkraft. Auch dieses Bild ist eher ungewöhnlich.

Nun wäre meine Frage:

Wenn eine Person einfach laut telefoniert hätte und von einem nicht psychotischen Menschen zurechtgewiesen worden wäre – wäre die ganze Situation dann eher „normal“ gewesen?

Die telefonierende Person hätte wahrscheinlich nicht mit dem Wort „Spinner“ reagiert und die umstehenden Fahrgäst*innen hätten ihr vermutlich auch keine Bestätigung entgegengebracht.

Das ist allerdings nur eine Vermutung.

Fakt ist, dass die Menschen, die dabei waren, den Lehrer bestätigt haben – auch dann noch, als er weiterhin mit Gesten zeigte, dass die Person mit einer psychischen Erkrankung „verrückt“ sei.

Spannend finde ich auch, dass ausgerechnet die Person, die den gesellschaftlichen Normen ohnehin nicht entspricht, mit der Situation am wenigsten zu hadern scheint.

Sie reagiert schlicht auf das Schreien und steigt später wieder aus der Situation aus.

Es ist selbstverständlich, dass sich eine Lehrkraft in der letzten Schulwoche, bei Hitze und überdrehten Kindern, überfordert fühlt. Das ist menschlich.

Allerdings finde ich an genau dieser Situation spannend, dass die gesellschaftliche Erwartung eine echte Hauptrolle spielt.

Sie könnte ungefähr so klingen:

„Der Lehrer muss die Kinder bändigen. Das wird von ihm erwartet. Gleichzeitig wird er von einer psychisch erkrankten Person zurechtgewiesen, weil er selbst laut wird. Und: In den Öffis ist man einfach nicht laut. Die Kinder nicht, der Lehrer nicht und die Person mit psychischer Erkrankung auch nicht. Allerdings scheint es gesellschaftlich eher akzeptiert zu sein, wenn ein Lehrer laut wird, um Kinder in den Griff zu bekommen, als wenn eine Person mit einer psychischen Erkrankung laut wird, weil es laut ist.“

Ich finde das spannend.

Vielleicht ist diese Situation einfach Ausdruck eines Zusammenspiels gesellschaftlicher Erwartungen:

Kinder benehmen sich.

Lehrer*innen sind dafür da, Kinder zu bändigen und tragen dafür die Verantwortung.

Menschen sind in den Öffis weder laut noch führen sie grundsätzlich Selbstgespräche.

Lehrer*innen werden eher nicht kritisiert, sondern kritisieren.

Gleichzeitig sollte man nicht zu streng mit Kindern sein – obwohl sie leise sein müssen.

Diese Normen sind teilweise sogar widersprüchlich. Vielleicht entstehen gerade deshalb immer wieder Normenkonflikte, die Menschen miteinander austragen.

Dabei finde ich, dass niemand etwas grundsätzlich Falsches gemacht hat. Bis auf die Beleidigung „Spinner“, die ich wirklich unnötig finde, haben Kinder das Recht, überdreht zu sein, Lehrkräfte das Recht, sich überfordert zu fühlen, und alle andere Personen (mit oder ohne psychische Erkrankungen) das Recht, sich vom Schreien gestört zu fühlen.

Beobachtung 2

In eine Straßenbahn steigt eine geistig beeinträchtigte Person ein. Sie telefoniert sehr laut, mit Lautsprecher, und regt sich wegen einer Wohnungssituation auf. Ein älterer Mensch, der ihr gegenübersitzt, schaut die ganze Zeit die Person an und schüttelt genervt den Kopf. Plötzlich erhebt er die Stimme: „Können Sie bitte jetzt leiser reden?“

Die telefonierende Person ist kurz leise und beginnt dann wieder lautstark, mit dem*der Gesprächspartner*in zu diskutieren. Der ältere Mensch regt sich extrem auf und fordert die Person auf, auszusteigen. Auch in dieser Situation bestätigen andere Fahrgäst*innen den sich beschwerenden älteren Menschen mit Blicken, Nicken und Sätzen wie: „Haben Sie nicht gehört? Können Sie bitte jetzt leiser sprechen?“

Die telefonierende Person schaut immer wieder irritiert zu dem Menschen gegenüber, versteht aber nicht, was er von ihr möchte, und telefoniert weiter. Eine Person meldet sich aus einer hinteren Reihe und versucht, die Situation zu schlichten: „Lass es! Sie kann es nicht besser, sie versteht nicht, was du meinst!“ – vergeblich.

Die Situation spielt sich bis zur Endstation ab, wo sowohl der beschwerende Mensch als auch die telefonierende Person aussteigen.

Was passiert hier?

Grundsätzlich ist hier die Norm klar: In den Öffis telefoniert man nicht laut. Wenn man den Lautsprecher verwendet, sollte man Kopfhörer benutzen.

Die Person, die laut telefoniert hat, hatte eine deutliche geistige Beeinträchtigung. Daher hat sie (vermutlich) auch nicht einordnen können, was der Mensch und seine Unterstützer*innen von ihr wollten.

Was ich hier spannend finde, ist eher der Vergleich mit der vorherigen Situation.

Diesmal ist eine beeinträchtigte Person laut. Das wird nicht toleriert und Menschen regen sich auf und fordern sie sogar auf, die Straßenbahn zu verlassen.

Eine Beeinträchtigung ist natürlich keine „Ausrede“ für alles, das wäre auch diskriminierend.

Spannend ist für mich vielmehr, dass eine beeinträchtigte Person, die laut telefoniert, offensichtlich weniger akzeptiert wird als ein lauter Lehrer, der seine Schüler*innen maßregelt. Ein lauter Mensch mit einer psychischen Erkrankung, der einen lauten Lehrer maßregelt, wird wiederum weniger toleriert als der Lehrer, der die Schülerinnen streng behandelt.

Hier klingen die Normen ein wenig wie:

Lehrkräfte dürfen streng sein (aber nicht zu streng), ein psychisch erkrankter Mensch maßregelt keine Lehrkraft, weil sie streng ist, Kinder müssen sich benehmen und dürfen nicht stören, und Menschen dürfen nicht laut telefonieren – auch dann nicht, wenn sie beeinträchtigt sind.

Noch einen Schritt tiefer geht für mich die Frage:

Wieso gelten einige gesellschaftliche Normen für manche Menschen und Situationen stärker als für andere?

Warum ist es in Ordnung, wenn eine Lehrkraft mitten in einer Straßenbahn zwei Schüler*innen laut und deutlich maßregelt und über mehrere Minuten laut mit ihnen schimpft, aber nicht, wenn eine beeinträchtigte Person über mehrere Minuten laut telefoniert?

Warum darf sich ein älterer Mensch darüber aufregen, dass eine beeinträchtigte Person laut telefoniert, die psychisch erkrankte Person darf sich aber nicht darüber aufregen, dass die Lehrkraft laut schreit?

Hier geht es nicht darum, ob jemand von Lautstärke irritiert ist. Das ist eine legitime individuelle und teilweise auch kulturell geprägte Empfindung. Es geht vielmehr darum, dass gesellschaftliche Normen untereinander ebenfalls widersprüchlich sind und offenbar nicht immer gleichermaßen für alle gelten.

Eine letzte Beobachtung diesbezüglich:

Beobachtung 3

Samstagabend in Wien. In eine volle U-Bahn steigt eine Gruppe deutlich betrunkener Menschen (männlich zu lesen) ein. Wie auf ihren T-Shirts zu lesen ist, kommen sie von einem Polterabend. Sie sind sehr laut, schreien, lachen über mehrere Minuten und machen sexistische Witze.

Niemand der Fahrgäst*innen scheint auch nur im Geringsten irritiert zu sein. Alle lesen, schauen auf ihr Handy oder unterhalten sich weiter.

Die laute Gruppe wirkt also völlig innerhalb der „Norm“.

Was passiert hier?

Diese Szene sagt viel über gesellschaftliche Normen aus.

Sätze wie „Männer sind halt so“ oder die Selbstverständlichkeit, mit der die Gesellschaft offenbar Lautstärke im Rahmen einer feierlichen Situation akzeptiert, in der auch Alkohol im Spiel ist, finde ich spannend.

Auch in diesem Fall sollen diese Menschen nicht als Personen dargestellt werden, die „etwas Falsches gemacht haben“. Es ist lediglich eine Beobachtung.

Eine Gruppe betrunkener, lauter Männer ist wohl „normaler“ und akzeptierter als eine laut telefonierende beeinträchtigte Person.

Ein lauter Lehrer, der Ordnung schaffen möchte, ist akzeptierter als ein psychotischer Mensch, der sich darüber aufregt.

Lehrkräfte können maßregeln. Psychisch erkrankte Menschen werden hingegen oft nicht ernst genommen, wenn sie jemanden wie eine Lehrkraft maßregeln.

Dies sind nur Beobachtungen darüber, wie gesellschaftliche Normen unseren Alltag und unsere Verhaltensweisen beeinflussen.

Sie geben uns wahrscheinlich Halt:

Was ist normal?

Was darf ich?

Was darf ich nicht?

Wichtig wäre meiner Meinung nach, diese Normen und Erwartungen immer wieder zu hinterfragen. Andernfalls könnten sie eng werden.

Zudem finde ich an dieser Stelle eine weitere Frage wichtig:

Warum gelten für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Normen?

(Bild von Unsplash)