Reihe: „Normen und Alltag“ Rund um den Cafébesuch

In diesem Artikel

Dieser Blogbeitrag ist der zweite Teil der Reihe „Normen und Alltag“. In dieser Reihe stehen nicht die beobachteten Menschen und deren Verhaltensweisen im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftlichen Normen, die in Alltagssituationen sichtbar werden und uns beeinflussen. Es geht nicht darum, Verhalten zu bewerten, sondern darüber nachzudenken, welche Erwartungen unser Zusammenleben prägen und unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Das, was Menschen tun, ist nicht falsch oder richtig, sondern immer nur der Auslöser für die Beobachtung gesellschaftlicher Normen.

Beobachtung 1

In einem Café in Wien am späten Nachmittag kommt ein Mensch herein, der auf dem Kopf einen selbstgebastelten Hut trägt und sich mit einigen Kuscheltieren unterhält. Er setzt sich an einen Tisch, legt die Kuscheltiere vor sich und schaut in die Karte. Währenddessen unterhält er sich weiterhin mit den Plüschtieren.

Ein Kellner kommt vorbei und fragt ihn, was er gerne trinken möchte. Die Person erklärt, dass sie noch auf drei Freund*innen wartet und deshalb auch mit der Bestellung warten möchte.

Ich bekomme mit, wie drei Kellner*innen untereinander lachen und sich fragen, wann diese „Freund*innen“ wohl kommen würden.

Es vergeht eine Viertelstunde. Die Kellner*innen scheinen anfangs sehr aufgeheitert von dem Menschen zu sein, der mit Kuscheltieren spricht. Nach einiger Zeit fragen sie ihn jedoch erneut, ob er bestellen möchte. Die Person erklärt wieder, dass sie gerne auf ihre Freund*innen warten möchte. Der Kellner kehrt lächelnd zu seinen Kolleg*innen zurück.

Zur großen Überraschung des Personals kommen kurz darauf tatsächlich drei Personen herein, gehen zielsicher auf den Menschen zu, umarmen ihn und setzen sich zu ihm.

Als der Kellner erneut an den Tisch kommt, sind die vier Freund*innen, die sich inzwischen sehr intensiv und angeregt unterhalten, bereit und bestellen ihre Getränke – genau so, wie der Mensch es von Anfang an angekündigt hatte.

Was passiert hier?

Das Verhalten des Menschen mit den Kuscheltieren entspricht nicht der Norm. Das steht fest. Er redet mit Plüschtieren. Er ist „seltsam“ gekleidet. Sobald er spricht, wird deutlich, dass er eine Intelligenzminderung hat.

Diese Dinge zusammen ergeben ein Bild, das nicht der gesellschaftlichen Erwartung entspricht.

Als diese Person eine ganz normale Bitte äußert, nämlich auf ihre Freund*innen zu warten, bevor sie bestellt, reagiert das Personal zwar nicht unhöflich, nimmt sie jedoch nicht ernst.

Beim Beobachten wird deutlich, dass die Kellner*innen überhaupt nicht an die Existenz der Freund*innen dieses Menschen glauben. Er spricht schließlich mit Kuscheltieren, die vor ihm auf dem Tisch liegen.

Die Skepsis ist hier wahrscheinlich eine völlig menschliche Reaktion. Allerdings finde ich spannend:

Warum wird dieser Person nicht geglaubt?

Können Menschen mit einer Beeinträchtigung oder einer psychischen Erkrankung keine Freund*innen haben, die gerne mit ihnen etwas trinken gehen?

Ist das so ungewöhnlich?

Beobachtung 2

In einem feinen Eissalon in Wien sitzt eine sehr elegant angezogene Person. Als die Kellnerin zu ihrem Tisch geht und die Bestellung aufnehmen möchte, sagt die Person: „Alles mit der Ruhe, meine Tochter ist noch nicht da.“

Dabei hatte die Kellnerin überhaupt keinen Druck gemacht, dass die Bestellung schnell gehen sollte.

Die elegante Person nimmt ein Smartphone aus der Tasche und fängt an, relativ hektisch etwas zu tippen.

Nach einigen Minuten geht die Kellnerin wieder vorbei und fragt lächelnd: „Sie warten noch, richtig?“

Die feine Gästin lächelt nicht zurück und sagt trocken: „Ja genau, ich warte.“

Die Kellnerin geht lächelnd zum nächsten Tisch.

Die Person am Tisch schreibt noch einige Zeit mit jemandem und wirkt immer ungeduldiger, bis sie schließlich einfach aufsteht und geht. Ohne sich zu verabschieden, ohne der Kellnerin Bescheid zu geben. Sie verlässt den Eissalon einfach.

Kurz darauf kommt die Kellnerin vorbei, sieht den leeren Tisch, schüttelt den Kopf und sagt zu ihrem Kollegen: „Sie hat gewartet, aber ist offensichtlich weg.“

Was ist nun in dieser Situation anders?

Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch beim Lesen dieser Beobachtung infrage gestellt hat, dass die feine Person eine Tochter hat.

Allerdings wissen wir alle nicht, ob diese Tochter tatsächlich existiert.

Warum gehen wir aber davon aus, dass dieser Mensch sich nicht einbildet, eine Tochter zu haben, sondern eher, dass es die Tochter gibt, sie aber vielleicht ihre Meinung geändert hat, die Verabredung mit ihrer Mutter vergessen hat, krank geworden ist, sich gerade mit ihr streitet, keine Lust auf Eis hatte oder was auch immer?

Warum wurde dem Menschen in der ersten Beobachtung wohl unterstellt, dass er sich die Existenz seiner Freund*innen einbildet?

Ganz objektiv betrachtet war die Person in der ersten Situation vollkommen höflich und freundlich, als sie darum bat, mit der Bestellung zu warten.

Die Person konnte zwar keine so „guten“ Sätze formulieren und war offensichtlich geistig eingeschränkt, hat aber gelächelt und dem Personal gegenüber eine sehr freundliche Ausstrahlung gehabt.

In der zweiten Situation war die elegante Gästin hingegen eher genervt und ernst, hat nicht gelächelt und die Kellnerin spüren lassen, dass es wohl ihr gutes Recht sei, auf ihre Tochter zu warten, die schließlich nie kam.

Natürlich ist es verständlich, dass die Person wahrscheinlich eher ungeduldig geworden ist, weil ihre Tochter sie „versetzt“ hat. Das ist menschlich.

Allerdings hat sie diese Frustration auch die Kellnerin spüren lassen.

Aber jetzt noch eine Spur tiefer:

Welche Normen spielen hier eine Rolle?

Man darf auf jemanden warten und sich mit einer Bestellung Zeit lassen.

Man spricht normalerweise nicht mit Plüschtieren (wenigstens nicht als Erwachsene).

Man sollte sich verabschieden, wenn man ein Lokal verlässt.

Kellner*innen sollten freundlich sein.

Für wen gelten denn diese Normen?

Für alle?

Schauen wir, was in unseren Alltagsszenen passiert:

Der Mensch, der mit Kuscheltieren spricht, entspricht der zweiterwähnten Norm nicht und wird daher auch nicht ernst genommen, als er darum bittet, vor der Bestellung auf seine Freund*innen warten zu dürfen.

In dieser Situation sind die Kellner*innen zwar freundlich, aber deutlich aufgeheitert von der Situation, sodass sie hörbar über den Gast lachen.

Die feine Person im Eissalon hingegen darf sich ruhig Zeit lassen, um auf ihre Tochter zu warten. Sie entspricht mit ihrem Verhalten und ihrer Kleidung viel eher der Norm. Ihr wird auch nicht unterstellt, dass sie sich die Tochter einbildet. Über sie lacht niemand.

Die Kellnerin bleibt auch in diesem Fall sehr freundlich.

Als die Person den Eissalon jedoch wortlos verlässt, wirkt das Personal leicht entsetzt. Sie lachen sie nicht aus, aber die Kellnerin schüttelt den Kopf.

Im Vergleich hebt sich genau hervor, wer sich stärker an die Normen halten soll – und wer nicht.

Der Mensch aus Beobachtung 1 wird nicht ernst genommen, über ihn darf gelacht werden.

Die Person aus Beobachtung 2 darf ein wenig unfreundlicher sein und über sie wird nicht gelacht. Ihre Erfahrungen und ihre Wünsche werden nicht infrage gestellt.

Beobachtung 3

Ein Mensch (männlich zu lesen) kommt in ein Café hinein. Er hat einen Rosenstrauß in der Hand, fragt die ältere Kellnerin, ob ein Tisch für zwei Personen frei ist, und setzt sich hin.

Die Kellnerin kommt vorbei und der Mann bittet sie, mit der Bestellung noch etwas zu warten, da er noch auf jemanden wartet.

Die Kellnerin lächelt freundlich und geht weiter.

Der Mann wirkt deutlich aufgeregt, schaut immer wieder aufs Handy und zur Tür.

Auch mir ist sofort klar, dass er eine romantische Verabredung erwartet.

Nach längerer Zeit kommt die ältere Kellnerin wieder zum Tisch und fragt: „Warten wir noch?“

Der Mann mit dem Rosenstrauß lacht und nickt.

Und da wird es spannend:

Die Kellnerin lächelt ihn an und fügt hinzu: „Keine Sorgen, Mädels lassen auf sich warten.“

Der Mann sagt nichts und lächelt.

Kurz darauf kommt eine zweite Person ins Café, die ebenfalls männlich zu lesen ist, umarmt den wartenden Mann und setzt sich zu ihm.

Auch die ältere Kellnerin kommt bald zu den beiden, lächelt freundlich und sagt: „Na, jetzt könnt ihr bestellen!“

Was passiert hier?

In dieser Situation ist etwas sehr Offensichtliches passiert:

Die Kellnerin hat erwartet, dass der Mann mit dem Rosenstrauß auf eine Frau wartet.

Als sie gesehen hat, dass sich ein Mann zu ihm setzt, hat sie dennoch sehr freundlich reagiert. Sie wirkte kein bisschen homophob.

Es geht hier aber auch nicht um ihr Verhalten oder um Homophobie.

Es geht um die gesellschaftliche Norm.

Welche Normen sind hier involviert?

Ein Mann mit einem Rosenstrauß, der einen Tisch für zwei möchte, wartet auf eine Frau.

Wenn ein Mann mit einem Rosenstrauß einen Tisch für zwei besetzt, befindet er sich in einer Date-Situation.

In diesem Fall finde ich beide Normen spannend und differenziert zu betrachten.

Nicht nur wird das Geschlecht der zweiten Person, die dazukommt, vorausgesetzt, sondern auch das Verhältnis der beiden Personen zueinander.

Die erste Norm ist natürlich die bekannte Heteronormativität.

Was ist aber die zweite?

Warum wird angenommen, dass eine Person mit einem Rosenstrauß an einem Tisch für zwei auf ein Date wartet?

Können sich Freund*innen keine Rosen schenken?

Die zwei Männer sind vielleicht wirklich ein Liebespaar oder möglicherweise tatsächlich in einem Date zum Kennenlernen.

Vielleicht sind die beiden aber Geschwister.

Oder Kolleg*innen.

Vielleicht mag eine Person einfach Rosen und die andere möchte ihr welche schenken.

Vielleicht hat jemand Geburtstag.

Aber wir nehmen alle an (ich habe das ebenfalls angenommen), dass eine Person mit einem Rosenstrauß an einem Tisch für zwei auf eine Person wartet, mit der sie romantisch verabredet ist.

Wir nehmen als selbstverständlich an:

  • Dass romantische Verabredungen nur zu zweit stattfinden (wir schließen also polyamore Dates aus).
  • Dass ein Blumenstrauß nur mit einem romantischen Interesse einhergeht.
  • Dass romantische Beziehungen einen höheren Stellenwert haben als Freundschaften.

Diese letzte Annahme ist vielleicht ein wenig weitergedacht. Dennoch finde ich spannend, dass wir offenbar davon ausgehen, dass ein Blumenstrauß und die Aufregung während des Wartens mit einem emotional bedeutsamen Ereignis zusammenpassen – und dieses Ereignis ist meistens ein Date.

Kann aber eine freundschaftliche Begegnung nicht genauso emotional intensiv und aufregend sein?

Sind Freund*innen keinen Blumenstrauß wert?

Auf jeden Fall ist in dieser letzten Situation klar:

Heteronormativität wird vorausgesetzt und auch, dass es sich um ein Date handelt.

Zudem bleibt die Norm bestehen, dass Kellner*innen freundlich sein sollten.

Die ältere Kellnerin wollte nett sein und versuchte den Mann mit dem Satz „Mädels lassen auf sich warten“ zu trösten.

Im Vergleich können wir aus den drei Beobachtungen folgende Erwartungen und Normen zusammenfassen:

  • In einem Café mit der Bestellung zu warten, weil man auf jemanden wartet, ist in Ordnung.
  • Kellner*innen sollten freundlich bleiben.
  • Menschen sprechen nicht mit Kuscheltieren und tragen keine selbstgebastelten Hüte.
  • Menschen, die sich der Norm entsprechend verhalten, werden in ihren Erfahrungen und Wünschen nicht infrage gestellt.
  • Menschen, die sich deutlich anders verhalten, werden nicht ernst genommen.
  • Menschen, die mit Plüschtieren sprechen, wird eher unterstellt, dass sie keine Freund*innen haben können und sich deren Existenz einbilden. Das passiert Menschen, die sich der Norm entsprechend verhalten, eher nicht.
  • Menschen mit einer geistigen Einschränkung werden Freundschaften offenbar weniger zugetraut.
  • Unfreundlichkeit wird eher toleriert, wenn sich eine Person der Norm entsprechend verhält.
  • Man sollte sich allerdings beim Verlassen eines Lokals verabschieden.
  • Ein Mann, der mit einem Rosenstrauß an einem Tisch für zwei wartet, wartet auf eine Frau.
  • Wenn jemand mit einem Rosenstrauß einen Tisch für zwei besetzt und aufgeregt wirkt, befindet er sich in einer romantischen oder Date-Situation.

Auch diesmal wird es interessant zu beobachten, wie Normen und Erwartungen je nach Aussehen, Geschlecht, Status, Intelligenz und Normkonformität unterschiedlich werden.

(Bild von Unsplash)