„Wie in einem Märchen!“ Dieser Satz ist meistens positiv konnotiert. Wenn man wie in einem Märchen lebt, lebt man in unserer Vorstellung in einer perfekten Situation. Das märchenhafte Leben ist so perfekt, dass man dieses mit einem Märchen eben und nicht mit etwas Realem gleichsetzt. Prinzen auf weißen Pferden, Prinzessinnen, Fantasiewelten, Glitzer und so weiter.
Kindern werden seit Generationen die gleichen Märchen vorgelesen, sie schauen seit Generationen Filme und Serien, die diese Märchen darstellen. Kaum ein Kind wird Schneewittchen oder Aschenputtel nicht kennen. Diese Märchen haben wahrscheinlich die Vorstellung und die Fantasie von uns allen mehr oder weniger geprägt. Was sagen sie uns aber wirklich?
Vor allem: Was sagen sie uns bezüglich der Frauen* und Rollenbilder, die in diesen vorkommen?
Ich nehme als Beispiele für diesen Blogbeitrag drei Märchen von den Gebrüdern Grimm: Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, Schneewittchen und Aschenputtel. Tauchen wir mal in diese drei Welten ein und versuchen zu schauen, was sie uns seit Generationen über Frauen* und Rollenbilder erzählen.
Beziehungsdynamiken in den drei Märchen:
Der Froschkönig: Alter Mann – junger Mann /junge Frau*
Nachdem das hübsche Mädchen ihren Ball in einem Brunnen verloren hatte, „fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu ‚was hast du vor, Königstochter, du schreist ja dass sich ein Stein erbarmen möchte.’„
Was wird ihr gesagt? Was ist der Umgang, den der Frosch mit ihr hatte? „’Sei still und weine nicht,’„ und dann noch „’deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinunter steigen und dir die goldene Kugel wieder herauf holen.‘ „.
Und jetzt ehrlich: Was für eine Dynamik stellt sich hier heraus? Der Frosch sagt mehr oder weniger dem Mädchen „Führ dich nicht so auf und halt den Mund! Ich mach dir einen Gefallen, wenn du mich lieben wirst“. Wie würde es uns gehen vor so einem Satz? Liebe auf Kommando, „Wenn ich das und das mache, dann liebst du mich und ich schlafe sogar in deinem Bett“ und nicht vergessen gleich zuvor hat der Frosch ihr das Wort verboten. Das Mädchen reagiert eigentlich ganz abgegrenzt und, nachdem sie den Ball hat, läuft sie davon (was übrigens ich völlig nachvollziehen kann!) und wie kommentierten die Grimm? „sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinab steigen musste.“. Der Frosch ist gleich „der arme Frosch“. Das Mädchen ist undankbar, weil sie sich nicht dazu zwingt, ihn zu lieben, nachdem er ihr freiwillig den Ball wiedergeholt hat.
Was beobachten wir hier? Der Frosch hilft freiwillig dem Mädchen. Es nimmt diese Hilfe an. Ab diesem Moment muss die Königstochter den Frosch für immer lieben und ihm dankbar sein, weil er ihr geholfen hat. Wo finden wir denn diese Dynamik wieder? In welchen Beziehungen?
Fakt ist, dass der Frosch abgelehnt wurde. Kann er damit umgehen?
Kurz danach kommt der Frosch zum Schloss und klopft an der Tür: „ als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Thür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz Angst.“
Die Tochter hat Angst.
Der Vater sieht, dass die Tochter sich fürchtet und lässt sich erklären, was geschehen ist. Wie reagiert er vor der Verzweiflung seiner Tochter? „’was du versprochen hast, das mußt du auch halten; geh nur und mach ihm auf.‘ „. Er zwingt die Tochter mehr oder weniger dazu, ihrem Missbraucher die Tür aufzumachen. Noch nicht zufrieden möchte der Frosch aus ihrem Teller essen. Das Mädchen zögert, aber ihr Vater befiehlt ihr, es zu tun, was der Frosch möchte: „Das that sie zwar, aber man sah wohl, daß sies nicht gerne that.“. Genauso sollten Beziehungen laufen! Das junge Mädchen zwingt sich und wird tatsächlich gezwungen, ihr Leben mit dem „hässlichen Frosch“ zu teilen. Obwohl sie es nicht gerne tut. Sie wurde aber von ihm geholfen, daher muss sie nun ihn lieben.
Das Schrecklichste kommt aber noch: Nach dem Abendessen möchte der Frosch ins Bett (mit dem Mädchen!). Die Königstochter „fieng an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte.“. Da sind wir vor einem mehr oder weniger Kind, das sich ekelt und den Frosch nicht im Bett möchte, nicht in seiner Privatsphäre. Es hat Angst und weint. Der Vater? „wird zornig“ und befiehlt der Tochter, den Frosch, der ihr geholfen hat, nun nicht zu verachten. Das Nicht-Verachten wird mit dem Im-gleichen-Bett-Schlafen gleichgesetzt.
Die Tochter zwingt sich erneut und trägt den Frosch zum Bett, er ist immer noch nicht zufrieden, er will noch näher von ihr. „’ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sags deinem Vater.’„. Der Frosch droht der jungen Prinzessin, weil sie verzweifelt ihre Grenzen setzen möchte. Das Mädchen möchte letztlich nur nicht mit ihm körperlich nahe sein. Das muss sie scheinbar aber, laut ihrem Vater und laut dem Frosch.
Und da wird es spannend. Die Prinzessin schafft es nicht mehr und wird (endlich) „bitterböse“, schmeißt den Frosch auf der Wand und er wird zum Prinzen. Er wandelt seine Form, er wird zu einem schönen Jungen, der plötzlich dem Mädchen dankbar ist, weil es nur geschafft hat, ihn von einem Hexenfluch zu lösen. Fakt ist, dass er nun mit der Prinzessin schläft, wie er von Anfang an vorhatte und die Grenzen des Mädchens erneut irrelevant sind. Sie wird sogar dann von dem „glücklichen und erlösten“ Prinzen weggefahren in seinem Reich. Keine Spur von einer positiven Emotion des Mädchens. Das ist scheinbar nicht wichtig. Sie wurde missbraucht. Ihre Grenzen wurden von ihrem Vater und dem Prinzen mehrmals verletzt. Sie wurde zu vielem gezwungen und am Ende? Der glückliche und erlöste junge Mann führt sie einfach weg.
Schneewittchen: Alte Frau* /junge Frau*
Nachdem der König eine neue Frau gefunden hat, wird diese, weil der Spiegel ihr sagt, dass die 7-jährige Schneewittchen hübscher als sie ist, „gelb und grün vor Neid.“. Das reicht nicht: „Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe, herum, so haßte sie das Mädchen.“. Die erwachsene Frau wird auf die Schönheit einer 7-Jährigen so neidisch, dass sie einem Jäger befiehlt, das Mädchen umzubringen. Natürlich führt der Jäger Schneewittchen in den Wald und will sie erschießen. Da passiert etwas noch Furchtbares: „Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleiden und sprach ‚ so lauf hin, du armes Kind.’„. Das heißt, wenn Schneewittchen weniger hübsch gewesen wäre, wäre sie umgebracht worden, da sie aber hübsch war, denkt sich der ältere Mann „Na sie soll doch leben“. Andererseits wäre sie nicht so hübsch gewesen, hätte die ältere Frau sie nicht töten wollen. Ausweglose Situation für Schneewittchen. Sie findet trotzdem Essen, Wasser und ein Bettchen in einem Häuschen im Wald. Das war das Häuschen der sieben Zwerge. Als sie Schneewittchen nach der Arbeit schlafend vorfinden, sagen sie: „’was ist das Kind so schön!‘ und hatten so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern im Bettlein fortschlafen ließen. „. Also Schneewittchen hat bei Männern wieder das Glück, dass sie so hübsch ist. Scheinbar können nur hübsche Frauen* in dem Häuschen der sieben Zwerge weiterschlafen und leben.
Schönheit allein reicht aber auch in einem märchenhaften Leben nicht aus! Daher fragen die sieben Zwerge am folgenden Tag Schneewittchen: „’willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.‘ ‚Ja,‘ sagte Schneewittchen ‚von Herzen gern,‘ und blieb bei ihnen.“. Den Zwergen fehlt nichts: „Morgens giengen sie in die Berge und suchten Erz und Gold, Abends kamen sie wieder, und da mußte ihr Essen bereit sein.“.
Nachdem die böse Stiefmutter von Schneewittchen durch das Spieglein erfährt, dass Schneewittchen noch lebt und nicht weniger hübsch geworden ist, dann erfindet sie noch einen Weg, um das Mädchen zu töten, „denn so lange sie nicht die schönste war im ganzen Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe.“.
Sie verkleidet und schminkt sich als Schnürriemen-Verkäuferin und geht zum Haus der sieben Zwerge zu Schneewittchen. Das Mädchen ist natürlich jung, hübsch und fleißig, aber auch unerfahren und unbeholfen, so erkennt sie ihre eigene Stiefmutter nicht, lässt sie herein und kauft eine Schnur. Als die Verkäuferin Schneewittchen die Kleidung neu schnüren wollte, schnürt sie das Kleid so eng, dass das Mädchen nicht mehr atmen kann und sagt schließlich auch: „’Nun bist du die schönste gewesen’„. Die sieben Zwerge finden Schneewittchen ohnmächtig am Boden und machen die Schnur auf. Sie atmet wieder und sie warnen sie erneut, niemanden hereinzulassen. Die Welt draußen ist schließlich böse, Schneewittchen soll lieber den Haushalt machen.
Wie wir schon wissen, ist die Königin ein wenig neidisch, so als sie vom Spieglein hört, dass Schneewittchen immer noch die Schönste ist, versteht sie, dass das Mädchen überlebt hat. Sie ist eine erfahrene Hexe und schafft einen giftigen Kamm. So geht sie wieder zu Schneewittchen, die natürlich immer noch nicht in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen. Sie lässt die ältere Frau herein und möchte den Kamm kaufen. Die unerkenntlich gemachte Stiefmutter bietet aber Schneewittchen an, sie ordentlich zu kämmen, sie nimmt es an und: „Das arme Schneewittchen dachte an nichts, und ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel. ‚Du Ausbund von Schönheit,‘ sprach das boshafte Weib, ‚jetzt ists um dich geschehen’„.
Als die sieben Zwerge aber von der Arbeit heimkommen, finden Schneewittchen mit dem vergifteten Kamm in den Haaren und retten sie noch einmal und warnen sie wieder, dass sie niemanden hereinlassen soll.
Was macht die Stiefmutter? Natürlich überprüft das Ergebnis ihrer Tat und findet heraus, dass das Mädchen noch lebt: „’Schneewittchen soll sterben,‘ rief sie, ‚und wenn es mein eigenes Leben kostet.’„. Da wird es spannend: Die ältere Frau*, die Mutter* wird, zahlt mit ihrem Leben, dass ein Kind geboren wird, während die ältere Frau*, die keine Mutter* wird, würde mit ihrem Leben zahlen, dass das Kind stirbt. Wunderbare Frauenbilder!
Eine Sache ist in dieser Dynamik klar: Zwei Frauen* nebeneinander existieren nicht. Eine muss immer über die andere triumphieren.
Deswegen bereitet die Stiefmutter einen giftigen Apfel vor. Da aber Schneewittchen langsam aus ihren Fehlern lernt, lehnt sie den Apfel der nicht erkenntlichen Stiefmutter ab. Die alte Frau schneidet den Apfel in zwei Hälften und isst selbst eine Hälfte (die nicht vergiftete) und zeigt dem Mädchen, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Schneewittchen isst den Apfel und stirbt endgültig.
Als die ältere Frau das Spieglein fragt, hört sie endlich das, was sie hören will: „’Frau Königin, ihr seid die schönste im Land.’„ Und „Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann.“.
Jetzt hätte das Märchen enden können. Die Stiefmutter ist glücklich, Schneewittchen tot und die sieben Zwerge lassen sie im Wald in einer Glasbahre. Aber nein, das Märchen war noch nicht fürchterlich genug. Schneewittchen hat erneut Glück, weil sie so schön ist, verwest sie auch nicht, scheinbar verwesen schöne Frauen nicht. Zufälligerweise kommt ein Königssohn vorbei und sieht die Frauenleiche. Eine schöne Frauenleiche, aber immer noch eine Leiche. Trotzdem verliebt sich der junge Prinz in die Leiche und möchte den Sarg mitnehmen. Die Zwerge lassen sich von ihm und seiner guten Absicht überzeugen. Beim Leichentransport stolpert ein Diener des Prinzen, sodass das vergiftete Apfelstückchen aus Schneewittchens Rachen herauskommt. Sie lebt wieder und fragt sich verwirrt, wo sie sei. Der Prinz sagte ihr „’du bist bei mir,‘ und erzählte was sich zugetragen hatte und sprach ‚ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin werden.‘ „. Natürlich kann die gerettete Prinzessin nicht mehr „nein“ sagen, das kennen wir schon vom „Königsfrosch“. Also heirateten Schneewittchen und der Prinz. Die böse Stiefmutter wird sogar zur Hochzeit eingeladen. Als sie aber über das Spieglein erfährt, dass die Braut sie schönste Frau des Landes ist, will sie nicht mehr hin. Sie geht trotzdem voller Wut zur Feier und erkennt Schneewittchen. Der Prinz aber, der dem Mädchen besser als die sieben Zwerge zu helfen weiß, verbrennt mit einem Feuer-Patschen-Trick die alte Frau lebendig.
Aschenputtel: Junge Frauen* untereinander /junger Mann
Nachdem die Mutter von Aschenputtel stirbt, heiratet ihr Vater eine neue Frau, die zwei Töchter in die Familie mitbringt. Diese sind schön wie Aschenputtel, allerdings schwarz in der Seele, während das Mädchen gut und fromm ist, wie sie der sterbenden Mutter versprochen hat.
Aschenputtel wird von den Stiefschwestern und der Stiefmutter misshandelt: Sie wird das Hausmagd, muss für den Haushalt sorgen, ihr werden Kleider, Schuhe und sogar ein Bett weggenommen. Der Vater scheint es zu akzeptieren. Er fragt nämlich die drei Mädchen, was er an der Rückkehr von einer Reise mitnehmen soll. Die zwei Stiefschwestern wollen elegante Kleider und Edelsteine, während Aschenputtel nur ein Reiskorn. Der Vater hat damit kein Problem und bringt den Mädchen das, was sie gewünscht haben.
Aus dem gebrachten Reiskorn pflanzt Aschenputtel ein Bäumchen, das wächst. Ein weißes Vöglein kommt auf den Baum und wirft Aschenputtel hinunter, was sie sich wünscht.
Als der Prinz eine dreitägige Feier initiiert, um sich eine Frau auszusuchen, wollen natürlich alle drei Mädchen hin. Um sich zur Schau zu stellen in der Hoffnung, gewählt zu werden. Das Einzige, was die Zukünftige des Prinzen haben soll? Natürlich Schönheit. Eine schöne Jungfrau wünscht er sich.
Aschenputtel muss die Stiefschwestern für die Feier hübsch machen, danach bittet sie ihre Stiefmutter, auch hingehen zu dürfen. „’da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet, wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen.’„. Keine liebevolle Art, aber immerhin netter als Schneewittchens Stiefmutter. Da hat Aschenputtel eindeutig Glück. Sie muss letztlich nur eine Probe bestehen. Die Stiefschwestern müssen nichts dafür leisten, dass sie zur Feier gehen, sie schon, aber sie wird wenigstens nicht vergiftet.
Aschenputtel hat aber Vögelein und Täubchen als Freunde und lässt sich in ihrer Aufgabe helfen. „Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus. Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter“. Sie sagt aber nicht wie versprochen zu. Sondern betont, dass Aschenputtel keine passende Kleidung für die Feier hat. Perfide ist es da schon, dass die Stiefmutter Aschenputtel selbst die Kleidung weggenommen hatte. Da aber Aschenputtel weint, sagt sie ihr: „’wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen,‘ und dachte ‚das kann es ja nimmermehr.’„. Hier ist die schlechte Absicht der Stiefmutter zu merken. Sie will schlicht nicht, dass das Mädchen mitfährt, kann aber nicht offensichtlich „nein“ sagen. Daher gibt sie ihr immer unmöglichere Aufgaben, sodass das Scheitern an Aschenputtels Versagen liegt. Was hier aber spannend ist: Aschenputtel hat keine Freunde, weil sie etwas Gutes oder Tolles tut, oder, weil sie gute Beziehungen aufbauen kann. Nein. Aschenputtel weint nur beim Grab der Mutter und pflanzt das Reiskörnchen. Die Vögelein sind wahrscheinlich das Symbol der toten Mutter, dei auf die Tochter aufpasst. Wie sie beim Sterben sagte: „Wenn du fromm und gut bist, werde ich dir immer helfen“.
Aschenputtel lässt sich von ihren tierischen Freunden jedenfalls ein zweites Mal helfen: „Und eh eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus. Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter, freute sich und glaubte nun dürfte es mit auf die Hochzeit gehen.“. Das ist aber natürlich nicht der Fall. Die Stiefmutter sagt Aschenputtel, dass man sich für sie und ihre Kleidung schämen müsste, daher kann sie nicht mitgehen.
Das Mädchen geht zum Grab der Mutter und weint sich aus.
„’Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
wirf Gold und Silber über mich.‘
Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter, und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog es das Kleid an und ging zur Hochzeit.“ Aschenputtel wird von der Seele ihrer toten Mutter geholfen. Das aber nicht umsonst. Die Mutter hatte ihr vorm Sterben gesagt, wenn sie fromm und gut geblieben wäre, dann hätte sie dem Mädchen vom Himmel geholfen. Die gute Mutter hilft der Tochter also schon, allerdings mit einer Bedingung, die auch teuer zu zahlen ist. Aschenputtel setzt nämlich nie Grenzen und akzeptiert ihre Rolle als Hausmagd: Sie bleibt gut und fromm.
So kann sie aber zur Feier gehen. Dort wird sie nicht erkannt. Der junge Königssohn wird von der Schönheit von Aschenputtel natürlich gleich verführt und will nur mit ihr tanzen. Als er wissen will, woher sie kommt, flieht sie nach Hause und zieht sich wieder wie gewohnt an. Das macht sie auch am zweiten Tag.
Am dritten Tag will der Prinz unbedingt wissen, wo sie wohnt. Da ist auch keine Spur von Privatsphäre und Grenzen. Der Prinz bestreicht sogar die Treppe mit Pech, sodass das Mädchen picken bleibt. So viel über Respekt der freien Entscheidung einer jungen Frau, unbekannt zu bleiben.
Nur der linke Schuh von Aschenputtel bleibt beim Pech hängen. Der Prinz stellt sich nicht zufrieden und sagt dem König, dass nur die Frau, der dieser Schuh gehört, seine Braut wird. So probieren auch die Stiefschwestern von Aschenputtel den Schuh an. Bei einer war der Fuß zu groß. Was sagt die Mutter? „’hau die Zehe ab: wann du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.‘ Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und gieng heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd, und ritt mit ihr fort.“. Da wird es fast absurd. Eine Mutter empfiehlt der jungen Tochter, die Zehe abzuhaken, sodass ihr Fuß in den Schuh hineinpasst. Sie tut es wirklich. Beim Vorbeifahren beim Grab der Mutter von Aschenputtel sagt aber ein Vögelein dem Prinzen, auf den Fuß zu schauen, und er merkt plötzlich, wie das Blut herausfließt.
Der Prinz führt einfach die blutige Frau zurück und versucht es mit der zweiten Schwester. Ganz austauschbar.
Gleiche Situation: Der Fuß ist zu groß und die Mutter empfiehlt: „’hau ein Stück von der Ferse ab: wann du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.‘ Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und gieng heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.“. Genau gleich. Ein Vögelein empfiehlt ihm, auf den Fuß zu schauen, und der Prinz merkt dann das Blut. So fragt er den König, ob er andere Töchter hätte, er meint die Tochter aus seiner ersten Ehe. Stiefmutter und Vater sind aber einverstanden, dass Aschenputtel unmöglich die Braut sein kann.
Der Prinz besteht aber darauf, dass auch das schmutzige Mädchen den Schuh anprobiert. Natürlich passt er wie angegossen an ihrem Fuß. „’das ist die rechte Braut!‘ Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger: er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort.“. Auch Aschenputtels Mutter gibt beim Vorbeireiten der Tochter ihren Segen.
Hier ist wieder anzumerken: Wir wissen nichts darüber, ob Aschenputtel den Prinzen überhaupt wollte. Sie ist letztlich an jedem Abend nach dem Tanzen weggelaufen. Der Prinz ist dem Mädchen nachgegangen mit allen Tricks, um sie letztlich mitzunehmen und zu heiraten.
Und am Ende? Nein, es reicht nicht, dass nun der Prinz seine „rechte Braut“ hat, sondern wollen sich die zwei Stiefschwestern noch ins Leben von Aschenputtel einmischen, um an ihrem Glück teilzuhaben. Die zwei Vögelein (die Seele Aschenputtels Mutter), die dem Mädchen zur Hochzeit gefolgt sind, aber rächen die Misshandlung von Aschenputtel: „Als die Brautleute nun zur Kirche giengen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite: da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach als sie heraus gingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten: da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft.“
Zusammenfassend finden wir diese Rollenbilder:
Ältere Frauen*, die Mütter* werden:
Der Froschkönig: Da kommt keine Mutter vor. Sie ist gar nicht präsent, anzunehmen, dass sie schon verstorben ist.
Schneewittchen: „Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.“
Aschenputtel: „Einem reichen Manne dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte daß ihr Ende heran kam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach ‚liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herab blicken, und will um dich sein.‘ Darauf that sie die Augen zu und verschied.“
Allerdings gibt es hier auch eine Stiefmutter, die eigene Kinder mitbringt: „Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da gieng eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an.“. An diesem Bild ist spannend, dass die böse Mutter, die ihre Töchter zu keinen frommen Mädchen großzieht, überlebt. Sie lebt nämlich durch ihre Töchter und ihre Erfolge weiter. Sie ist zu allem bereit, um eine ihrer Töchter als Prinzesbraut zu sehen. Sie misshandelt ihre Stieftochter und lässt die Töchter ihre Füßenteile abschneiden, sodass sie in den Shuh hineinpassen.
Mütter* können also entweder sich zur Gänze für ihre Töchter* aufopfern und sterben oder zu schlechten Müttern* werden und nur durch die Erfolge ihrer Töchter* leben.
Ältere Frauen*, die keine Mütter* werden:
Der Froschkönig: Es gibt keine weiteren weiblichen Figuren. Der Vater, der Frosch und das Mädchen kommen vor.
Schneewittchen: „Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermüthig, und konnte nicht leiden daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. „ Die böse Stiefmutter von Schneewittchen verkörpert die ältere Frau, die jede junge Konkurrentin töten würde, um die Schönste des Landes zu bleiben. Sie überprüft auch stets, dass sich ihr Status nicht ändert (durch das Spieglein).
Junge Protagonistinnen:
Der Froschkönig: „aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte so oft sie ihr ins Gesicht schien.“
Schneewittchen: „Schneewittchen aber wuchs heran, und wurde immer schöner, und als es sieben Jahr alt war, war es so schön, wie der klare Tag, und schöner als die Königin selbst.“
Aschenputtel: „Das Mädchen gieng jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. „
Die Stiefschwestern von Aschenputtel: „Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. „.
Viel ist also über diese Mädchen nicht zu sagen. Sie müssen hübsch sein.
Ältere Männer:
Diese sind die Könige, die herrschen. Sie befehlen und ignorieren, wenn ihre Töchter misshandelt werden oder sogar die Türe für den Missbrauch der Töchter öffnen. Wenn ihre Frau stirbt, finden sich schnell noch eine schöne Frau, die sich weiterhin um die Erziehung der Kinder kümmert.
Junge Männer:
Diese wählen die Bräute aus. Sie tun nicht viel, sie sind auch nicht besonders schön, sie können auch hässliche Frösche sein. Um sie dreht sich aber das ganze Geschehen. Um sie streiten sich junge Frauen. Wenn sie abgelehnt werden, werden sie drohend und nachtragend, wenn eine Frau von ihnen wegläuft, finden sie Möglichkeiten, um sie festzuhalten oder wiederzufinden, wenn sie einem Mädchen helfen oder eine Frau (sei es auch eine Frauenleiche) retten, dann wollen sie im Gegenzug, dass sie ihre Braut wird.
Moral der Geschichte?
Wenn ich jetzt ein junges Mädchen wäre und so ein Märchen hören würde, dann hätte ich gleich ein klares Gefühl: Ich soll mal ganz dringend hübsch sein. Wenn ich es nicht bin, werde ich im besten Fall nicht erwähnt und im schlimmsten von einem Jäger erschossen. Wenn ich hübsch bin, dann werde ich wahrscheinlich geholfen und gerettet. Wenn ich dazu auch fleißig, fromm und gut bin, werde ich vielleicht auch vom Prinzen auf weißem Pferd mitgenommen und geheiratet. Klar, dafür muss ich einiges aushalten: Missbrauch, Misshandlungen und unerbittliche Bedingungen, aber ja, es lohnt sich! Ich werde dann ausgewählt. Wenn mir diese Ehre zustoßt, dann…kommt die Falle!
Wenn ich erwachsen werde und beim Prinzen wohne, dann muss ich bald Kinder bekommen. Hübsche Kinder. Ich werde letztlich zur Gebärmaschine. Als ich dann meine Fortpflanzungs-Aufgabe erfüllt habe und schöne Töchter und gute Jungen auf die Welt gebracht habe, kann ich ruhig sterben. Egal, ob metaphorisch oder tatsächlich, werde ich nicht mehr erwähnt. Ich existiere nicht mehr. Ich habe mich aber immerhin für das „Gute“ aufgeopfert.
Es gibt immer die Alternative: Ich schlage einen anderen Weg ein, ich bekomme keine Kinder. Ich werde älter, schön und vielleicht sogar fähig, magische Künste zu nutzen, das würde ich zweifellos bevorzugen! Die Kosten für diese vielversprechende Entscheidung aber sind klar: Ich bin das „Böse“ und werde wahrscheinlich lebendig verbrannt oder mir werden die Augen herausgestochen. Jedenfalls verende ich nicht sonderlich gut.
Das muss auch so sein, weil Mädchen* lernen müssen, dass sie fleißige, hübsche und fromme Frauen und dann Mütter werden, jederzeit bereit, das eigene Leben für ihre Kinder aufzuopfern.
Endreflexion aus der erwachsenen Sicht:
Abgesehen von der Brutalität der drei Märchen sind diese Geschichten Paradebeispiele für schreckliche, missbräuchliche und gewalttätige Beziehungen zwischen Menschen.
Um die Männer dreht sich das ganze Geschehen und, obwohl sie eigentlich nicht viel zur Geschichte beitragen, bestimmen sie Schicksale und bekommen die Aufmerksamkeit von allen Frauen*. Diese haben kaum Eigenschaften bis auf die Schönheit. Wir haben keine Informationen, was sie gut können, welche ihre Interessen sind, ob sie eine Ehe möchten oder nicht. Umgekehrt wissen wir, dass, wenn sie etwas nicht gerne tun, wie im Fall der Königstochter in dem „Froschkönig“, sie dazu gezwungen werden, weil sie dem rettenden Mann dankbar sein müssen.
Diese Frauen* haben kaum Verbindungen untereinander und absolut kein Begehren und keine eigene Lust. Die Gleichaltrigen konkurrieren um den Prinzen und sind bereit, sich Körperteile abzuhaken, um die Glückliche zu sein, die ausgewählt wird. Wenn eine Frau* älter wird, ist sie entweder eine sterbende oder tote Mutter, die in dem Fall auf ihre Tochter wacht, oder grundsätzlich die böse Stiefmutter, die sich das Versagen oder sogar den Tod der Stieftochter wünscht. Kein Zeichen von Wertschätzung, weiblichen Freundschaften, weiblicher Leidenschaft, Frauenliebe, Weisheit, Weitergabe einer Lebenserfahrung, gegenseitiger Bewunderung und Unterstützung und Freude füreinander. Nichts. Junge Frauen* wollen vom Mann gesehen werden und die älteren Frauen* sind entweder aufgeopfert und tot oder dann erfahrener und gleichzeitig monströs und neidisch auf die Jugend und Schönheit der Jüngeren. Ein Kampf um Schönheit und Erfolg, die aber nur aus den Augen der Männer gesehen werden. Ein Kampf um die männliche Aufmerksamkeit. Frauen* lassen also die vollkommene Macht den Männern, die sie gegeneinander ausspielen und letztlich „die richtige Braut“ unter ihnen aussuchen. Und niemals wird es hinterfragt, ob das „Ausgewählt-Sein“ das ist, was Frauen* sich auch tatsächlich wünschen.
Und so mit diesen Bildern sind wir alle aufgewachsen.
Wow, ein märchenhaftes Leben!
(BIld von Unsplash)