Sexlose Liebe und liebloser Sex – Aus der Reihe „Es ist doch nur Sex!“

Sex ohne Liebe wird oft als leer oder wertlos gesehen. Als „nur Sex“. Wie das etwas nicht Gutes oder etwas Irrelevantes wäre. Liebe ohne Sex wird andererseits aber oft als nicht-romantische Liebe oder unvollständig bezeichnet. Oft ist es, als würden Liebe und Sex immer zusammengehören müssen. Wenn man keinen Sex miteinander hat, ist man „nicht wirklich zusammen“, wenn man aber Sex miteinander hat, sind plötzlich Erwartungen da. Nicht, dass das falsch wäre, aber warum ist es so? Gehen Sex und Liebe wirklich immer und zwingend einher?

Sex und Liebe werden immer zusammen erwähnt. Wieso?

Was ist die Allgemeinvorstellung? Sex allein ist leer oder auf jeden Fall „weniger“ als die Liebe. Sex ohne Gefühle erfüllt nicht. Sex per se ist wertlos und den kann man mit allen haben. Stimmt das aber? Ich denke, dass der Ausdruck „nur Sex“ ein wenig breiter erklärt werden sollte. „Sex ohne Gefühle“ gibt es meiner Meinung nach nicht. Gefühle, Empfindungen und Gedanken werden wir vor, während und nach dem Sex wahrscheinlich immer haben. Was hier mit diesem Ausdruck oft gemeint wird, ist, dass eine Person Sex ohne Verliebtheitsgefühle oder Liebesgefühle hat, und das ist wiederum möglich. Auch in diesem Fall ist es aber nicht so einfach, den Ausdruck einzugrenzen. Sowohl was wir mit „Verliebtheit“ meinen als auch was wir mit „Liebe“ meinen, ändert sich im Laufe des Lebens für einen Menschen selbst und auch im Laufe einer Beziehung. Zudem sind diese Begriffe sehr breit verwendet und auch sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die nach zwei oder drei Treffen mit wem anderen schnell sagen können: „Ich bin so verliebt“, und andere, die nach einer jahrelangen Beziehung sich noch fragen, was sie genau für wen anderen empfinden. Das sagt immer noch nichts über Qualität und Intensität der Gefühle aus. Haben Liebe und Sex wirklich so viel miteinander zu tun? Oder können sie zusammenfallen, wie nicht? Sagt Sex irgendwas über eine Beziehung und die Gefühle, die in dieser vorhanden sind, aus?

Hier ein paar Beispiele:

1 – Zwei Menschen kennen sich seit mehreren Jahren. Sie teilen sehr viele emotionale Inhalte und mögen sich einander sehr. Sie sind aber nie sexuell miteinander geworden. Erst sieben Jahre nach dem Kennenlernen haben sie miteinander Sex. Sie leben ihre Beziehung wie immer weiter, haben aber immer wieder Sex, wenn sie Lust dazu haben.

2 – Zwei Menschen sind ein Paar, sie definieren sich als Paar, sie fühlen sich so und wohnen auch zusammen. Haben aber keinen Sex miteinander und sind auch nicht sexuell zueinander, weil sie einfach miteinander dieses Bedürfnis nicht haben.

3 – Zwei Menschen sind miteinander verheiratet. Haben miteinander Kinder und ein Haus und auch immer wieder Sex.

4 – Zwei Menschen lernen sich an einem Tag kennen und beschließen am gleichen Tag, miteinander Sex zu haben. Sie treffen sich immer wieder, wenn sie miteinander Sex haben wollen. Nach einigen Jahren fragt eine Person die andere zum ersten Mal, ob sie was trinken gehen mag, ohne Sex zu haben.

5 – Zwei Menschen, die sich zum ersten Mal sehen, haben Sex und verabschieden sich nachher einfach voneinander.

6 – Eine Person fühlt starke Verliebtheitsgefühle für eine andere, das schon seit einigen Jahren. Sie weiß, dass die andere Person verheiratet ist und sexuell exklusiv mit dem Partner lebt, daher hat sie ihre Gefühle nie ausgesprochen. Sie leben eine emotional enge Beziehung miteinander.

In welchen Fällen würden wir nun sagen, dass es sich um Liebe handelt? In welchen „nur“ um Sex? In welchen um ganz was anderes?

In der Situation 1 geht es sicherlich um Gefühle, aber es ist nicht klar, ob diese zwei Personen verliebt sind. Sie werden erst nach sieben Jahren sexuell miteinander, auch da haben wir aber keine Auskunft, ob sie dann verliebt sind oder sie einfach Sex miteinander genießen.

In der zweiten Situation würde ich mal behaupten, dass die zwei Menschen sich lieben und als Paar sehen und fühlen, sie haben aber keinen Sex.

In der dritten Situation würden wahrscheinlich die meisten denken, dass diese zwei Menschen sich lieben. Das wissen wir aber nicht. Sie leben in einer traditionellen Ehe mit Kindern, Haus und Sex. Ob sie sich auch lieben und verliebt sind, ob sie sich emotional nahe sind, das wissen wir alles nicht.

In Situation 4 würden wahrscheinlich die meisten Menschen davon ausgehen, dass diese Menschen eine reine sexuelle Beziehung haben und sich erst nach einigen Jahren, wenn die Frage nach dem Ausgehen zum Trinken statt zum Sex-Haben fällt, etwas ändert. Das wissen wir aber auch nicht. Es kann auch sein, dass diese zwei Personen sich wohl sehr lieben, aber einfach nie zuvor was gemeinsam getrunken haben.

Die fünfte Situation ist eine einmalige. Hier handelt es sich um ein ONS. Welche Gefühle im Spiel sind, wissen wir nicht, aber diese werden von den zwei Menschen jedenfalls nicht vertieft.

In der letzten Situation handelt es sich sehr klar einseitig um Verliebtheit. Jedenfalls haben die zwei Menschen eine enge emotionale Beziehung. Ob das Liebe ist, wird nicht klar definiert.

Warum diese Beispiele? Weil ich der Meinung bin, dass wir mit „nur“ Sex oder „Sex in der Liebe“ mehr einen Status als einen emotionalen Zustand meinen. Wie das? Wenn zwei Personen verheiratet oder zusammen sind, dann gehen wir immer davon aus, dass diese auch Sex haben (obwohl wir eigentlich gar nicht davon ausgehen können!), ohne zu wissen, ob sich diese Menschen lieben, schätzen und sexuell begehren. Wenn aber zwei Menschen sich immer wieder treffen und ab und zu Sex miteinander haben, dann tendieren wir dazu zu sagen, dass sie „nur“ Sex haben, ohne aber zu wissen, was sie sonst emotional oder geistig teilen usw. Menschen können sich auf unterschiedlicher Art lieben, Gefühle sind sehr einmalig und individuell.

Der „Beziehungsstatus“ ist hingegen eine Definition, ein Konstrukt, und dafür haben wir auch nur begrenzte Begriffe zur Verfügung. Was aber Menschen in Beziehungen fühlen, sprengt jede Definition und muss auch nicht mit dem Status übereinstimmen. Menschen können zusammen sein, Kinder miteinander haben, verheiratet sein und sich sehr wenig schätzen und lieben oder umgekehrt für die eigene Beziehung gar keine Definition haben und sich aber wohl sehr lieben und füreinander sehr wichtig sein. Das alles unabhängig vom Sex.

Allerdings ist, wenn der Sex in einer „geregelten“ Beziehung passiert, automatisch immer „Liebe“ im Spiel, und wenn er in einer Beziehung stattfindet, die keinen Status hat oder einfach als „Freundschaft“, „Freundschaft+“ oder „Situationship“ benannt wird, ist es automatisch „nur“ Sex, ohne aber dass etwas über die involvierten Gefühle ausgesagt wird.

Warum sehen Menschen genau den Sex als notwendigen Aspekt der Liebe? Und Liebe als notwendige Basis, die den Sex „besser“ macht?

„Nur“ Sex und Abwertung der körperlichen Lust

Religiöse Einstellungen und Traditionen versprechen oft nach dem Leben auf dieser Erde eine Belohnung. Dafür müssen Menschen auf vieles verzichten und sich beherrschen. Das war sicher für Jahrhunderte eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Ordnung. Auch die Normen, die eine Gesellschaft hat, tragen zur Ordnung und Sicherheit bei. Körperliche Lust, vor allem, wenn diese als Ziel wirklich nur die reine Lust hat, wurde oft sehr offensichtlich abgewertet.

Wieso? Warum wird so schwer akzeptiert, dass Menschen sich auch einfach „nur“ Lust wünschen können? Lustvolle Erfahrungen sind oft nicht mit Beherrschung und Kontrolle verbunden, im Gegenteil! Wenn Menschen als Ziel Genuss und Lust haben, haben sie weder Fleiß noch Produktivität, Effizienz oder Optimierung als Ziel. Lust und Genuss tragen jedenfalls nicht zur Ordnung der Gesellschaft bei, somit werden diese oft als „etwas Schlechtes“, „Laster“, „Sünden“ oder „Versuchungen“ gesehen. Sexuelle Erfahrungen können lustvoll sein. Wenn diese aber in einem geregelten Rahmen und für die Fortpflanzung passieren, sind sie dann reglementiert. Das ist auch der Zugang, den die meisten monotheistischen Religionen zum Sex haben. Und unsere Gesellschaft basiert auch auf christlichen Werten, auch wenn kaum noch jemand sonntags zur Messe geht.

Menschen können ein Bedürfnis nach nur Lust und Genuss verspüren, das keine weiteren Erklärungen oder Ziele braucht. Und das ist nicht verwerflich oder schlecht und es ist auch nicht etwas, das man sich nur selten gönnen darf. Warum denn?

Das heißt nicht, dass es immer so ist, dass Menschen einfach genießen wollen, aber das kann auch so sein und darf es auch. Menschen sind vielschichtig und nie immer gleich, man kann sich wohl pure Lust und zu einer anderen Zeit eine tiefe Bedeutung wünschen. Warum ist die Lust an sich weniger wert? Entspannung, Freude, Spaß, Genießen sind gar nicht so selbstverständlich und unnötig. Aber denken wir an: Effektivität, Optimierung, Fleiß, Kontrolle, Selbstbeherrschung usw. … Diese Dinge sind dann in solchen „lustvollen“ Momenten nicht so relevant. Was passiert dann? Kann es sein, dass dahinter eher Angst vor Kontrollverlust und Loslassen steckt? Nicht immer, nicht für alle, aber das ist eine mögliche Erklärung, vor allem, weil eben unser kollektives Denken auf Jahrhunderten christlicher Tradition basiert, die nicht für die Freundlichkeit zur körperlichen Lust bekannt ist. „Nur“ Sex ist also oft das Symbol für die reine körperliche Freude/Lust. Und das wird oft abgewertet. Zudem ist es auch anzumerken, dass Menschen sich durch Sex körperliche Lust und gleichzeitig auch Zuneigung zum Gegenüber wünschen können, ohne dass sie gleich in den*die Sexpartner*in verliebt sind. Ich denke, dass die Nuancen der Gefühle und Bedürfnisse wirklich unzählig sein können.

Die „wahre Liebe“ und der Mythos der Vollständigkeit

„Wahre Liebe“ hat hingegen immer eine besondere Stellung gehabt. Wenn wir an Mythen und Geschichten denken, können wir fast überall den Begriff der „wahren Liebe“ finden. Einige glauben daran, andere nicht, einige mögen den Begriff, andere nicht usw. Wahre Liebe ist jedenfalls normativ geregelt, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint.

In den meisten Mythen und Märchen ist die wahre Liebe: heterosexuell, meistens zwischen jungen Menschen, langfristig „bis ewig und immer“, monogam (wenn jemand die wahre Liebe findet, schläft er nicht mit anderen), einnehmend und unbedingt prokreativ (der christlichen Vorstellung zufolge hat die wahre Liebe die Fortpflanzung als Ziel). Auch der Begriff „die Frucht der Liebe“, um Kinder zu definieren, ist sehr auffällig. Niemand weiß, wie ein Kind gezeugt wurde und unter welchen emotionalen Bedingungen, aber es wird als Frucht einer Liebe bezeichnet. Grundsätzlich entsteht ein Embryo, wenn ein Spermatozoon eine Eizelle befruchtet. Wo und wie das passiert, wer die Eltern tatsächlich dann sind und in welchen Verhältnissen diese zueinanderstehen, ist für die Entstehung völlig irrelevant, aber nicht für unser gesellschaftliches Narrativ.

Das Konzept der „wahren Liebe“ ist also schon in der Allgemeinvorstellung von vielen Mythen, Märchen, Geschichten und Traditionen geprägt.

Was oft dazukommt, ist der Mythos der Vollständigkeit. Die wahre Liebe wird oft als Seelenverwandtschaft oder eine fast mystische oder schicksalhafte Begegnung gesehen oder definiert. Diese Liebe ist etwas, das Menschen ergänzen soll, die sonst nicht vollständig wären. Diesmal können wir auf Platon und seine liebe Idee der Kugelmenschen zurückgehen. Er hat die Liebe als etwas Kosmisches gesehen. Menschen stammen aus den Kugelmenschen, die getrennt wurden, und Liebe ist die Sehnsucht, die andere Hälfte wiederzufinden. Wenigstens ist Platon weiter als die christliche Tradition und sieht diese Liebe sowohl hetero- als auch homosexuell, je nachdem, ob der ursprüngliche Kugelmensch „reinweiblich“, „reinmännlich“ oder „heterogeschlechtlich“ eben war. Trotz Platons Queer-Freundlichkeit ist dieser Gedanke der Vollständigkeit und der wahren Liebe teilweise gefährlich. Wenn die Liebe vorbestimmt ist, sind Menschen, die sich sozusagen „wiederfinden“, dann vollständig und brauchen niemanden mehr? Wird dann die Liebesbeziehung, wenn diese kosmisch oder göttlich begründet wird, einnehmend und einschränkend? Muss man dann alles von dem*der eigenen Partner*in akzeptieren? Letztlich ist diese die „sonst verlorene“ Hälfte, man kann sich dann schwer trennen. Zudem würde ich behaupten: Wenn es eine einzige wahre Liebe gibt, dann fallen aber schon einige Erwartungen auf diese „fast heilige“ Beziehung.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass es nicht geschehen kann, dass sich zwei Menschen in jungen Jahren verlieben und „für immer“ zusammenbleiben und sie dann auch sich authentisch lieben, natürlich kann es sein und auch schön sein, das ist aber nur eine der unglaublich vielen Möglichkeiten, die Menschen haben, Liebesbeziehungen zu gestalten und allgemein, sich zu lieben.

Erwartungen an das Konzept der „wahren Liebe“: Diese Liebe macht dich ganz und geheilt. Was passiert, wenn es dir aber in der wahren Liebesbeziehung doch nicht so gut geht? Darf man sich von dieser trennen? Sie ändern wollen? Sie ergänzen? Oder ist die wahre Liebe dann für immer und ewig, treu und schon so vollständig, dass man nichts Weiteres braucht? Stellt man dann in der wahren Liebe, die von Gott gewollt und schicksalhaft ist, irgendetwas noch infrage? Diese sind keine provokanten Fragen, sondern nur logische Schlüsse aus einem Konzept, das Lieder, Filme, Märchen, Mythen, Erzählungen usw. seit Jahrhunderten prägt. Zwei Menschen treffen sich und diese Begegnung ist wie Schicksal, magisch, sie wird das „Ein und Alles“ für die beteiligten Menschen und vor allem: Die wahre Liebe macht diese Menschen vollständig und geheilt, weil die wahre Liebe Menschen zu besseren und glücklichen Menschen macht. Ist es überhaupt real?

Natürlich können Begegnungen lebensverändernd sein, das will ich absolut nicht infrage stellen. Menschen sind sogar fast vollständig auf Bindungen angewiesen (ich nutze hier absichtlich die Mehrzahl!). Die Frage ist: Ist eine Beziehung nur dann die „wahre Liebe“, wenn man wen kennt und das ganze Leben dann von diesem einen Menschen abhängt, dem man treu sein soll, von dem man alles akzeptieren soll, mit dem man das ganze Leben teilen soll und mit dem dann auch der Sex gelebt werden soll, der das Zentrum des Lebens und der Beziehungen wird und ohne den man selbst unvollständig und verloren ist, ist das dann „wahre“ Liebe? Oder eher ein Abhängigkeitsverhältnis? Das heißt natürlich nicht, dass Menschen total unabhängig sind und nie von Beziehungen abhängen, im Gegenteil! Ich denke, dass Menschen emotional von ihren engeren Beziehungen doch abhängen, vielleicht nicht nur von einer einzelnen Beziehung, aber von den engeren Beziehungen auf jeden Fall. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen „wahrer Liebe“, wie diese kollektiv erzählt wird, und einer wichtigen Beziehung.

Warum? Wenn ich sage, dass die eine Person meine Seelenverwandte ist und unsere Liebe DIE „wahre Liebe“ und schicksalhaft ist, dann nehme ich mir den Handlungsspielraum weg. Das Zentrum ist bei der „Besonderheit“ der Beziehung oder der anderen Person. Wenn ich aber sage, dass ich eine Person liebe und mit dieser eine enge Beziehung habe, die mir sehr wichtig ist, dann schätze ich die Verbindung wert, aber ich bleibe gleichzeitig mein eigenes Zentrum und gebe dieser einen Person auch keinen „besonderen“ Status im Vergleich zu allen anderen. Das heißt nicht, dass uns einige Beziehungen nicht wichtiger sein können als andere. Dass beispielsweise für viele Menschen die Liebesbeziehung(en) auch die wichtigste(n) ist(sind), ist nicht selten und völlig legitim.

Es geht nicht darum, dass alle Beziehungen, die eine Person eingeht, gleich sein müssen, sondern dass Beziehungen gelebt werden dürfen, wie sie sind. Das Problem sind meiner Meinung nach oft die Normen oder die Allgemeinvorstellung, die uns suggerieren, dass wir ohne „die eine Person“, die kommen und uns heilen und retten wird, unvollständig sind. Die kommt nämlich ziemlich sicher nicht, die gibt es auch gar nicht!

Dass wir aber dann mit einer bestimmten Person (oder auch mehreren Personen, je nach Lebensmodell) unser Leben besonders viel teilen wollen, das ist ganz was anderes und natürlich auch sehr schön und menschlich.

Was hat das alles mit Sex zu tun? In diesem Liebesdiskurs hat der Sex auch eine besondere Bedeutung: Heutzutage hat sich die Vorstellung der wahren Liebe ein wenig geändert, also wird über Sex mehr gesprochen als früher. Sätze wie „Wenn das wirklich Liebe ist, dann ist der Sex auch gut“ und „Wenn es wahre Liebe ist, dann betrügt man sich nicht“ zielen auf dasselbe: Wenn es „wahre Liebe“ ist, dann funktioniert alles. Sonst ist es keine „wahre Liebe“. Wieso ist das so in dem Denken? Warum muss „wahre Liebe“ nahezu perfekt und so einnehmend sein?

Unsere Gesellschaft basiert auf der monogamen und heterosexuellen Beziehung, auf der dann die „traditionelle Familie“ entsteht. Wenn diese Verbindung DIE besondere „wahre Liebe“ sein sollte, ist es dann auch viel schwerer infrage zu stellen, ob dieses Modell und dieses Leben wirklich passen. So bleibt diese Struktur viel stabiler bestehen. Das heißt nicht, dass traditionelle Familie oder eine monogame Beziehung falsch wären, sondern dass jede Person für sich aber entscheiden sollte, wie sie die eigenen Beziehungen und die eigene Sexualität leben und gestalten will. Wenn ein Mensch bei einem anderen bleibt und sexuell treu ist, weil er denkt, dass er so eine Beziehung nicht mehr finden wird, weil diese die „wahre Liebe“ ist, und sich, egal was passiert, nicht trennen wird, weil das, was sie verbindet, eine besondere Liebe ist, ist das eine ganz andere Ausgangssituation als die einer Person, die sich bewusst entscheidet, mit ihrer Beziehungsperson sexuell monogam zu leben, weil sie sich das ausmachen, da für sie beide die sexuelle Exklusivität ein emotionales Bedürfnis ist. Beide Menschen leben sexuell monogam, aber einer, weil es in der „wahren Liebe“ so gehört, und der andere, weil er sich dafür entscheidet, weil er es braucht. Scheint also so zu sein, dass die Differenzierung „nur Sex“ und „Sex mit Liebe“ einerseits auf der Abwertung der körperlichen Freude und andererseits auf der traditionellen Vorstellung der „wahren Liebe“ basiert.

„Wahre“ Beziehungen statt „wahre Liebe“?

Was aber, wenn wir nun das Konzept der „wahren“ Liebe mit dem einer „wahren“ Beziehung ersetzen?

Wahre Beziehungen sind dann Verbindungen, die zwischen Menschen passieren und sich in Bedeutung und Wichtigkeit ändern und entwickeln können. Menschen werden uns dann durch Begegnungen mehr oder weniger nahekommen, und das kann sich je nach Situation auch immer wieder ändern. In diesem Sinne wären Beziehungen aber nicht hierarchisch einzuordnen, nicht wegen ihrem Status jedenfalls.

Natürlich werden einige Menschen für uns „besonders“ bleiben, das ist sogar sehr schön und wertvoll. Einige Menschen werden uns immer wichtiger sein als andere. Muss das aber von ihrem „Beziehungsstatus“ zu uns abhängig sein? Und kann ein Beziehungsstatus auch den „besonderen Status“ dann rechtfertigen?

Was ich mit „besonderem Status“ meine, ist, dass eine einzige Person das Zentrum wird, um das sich unser ganzes (emotionale) Leben dreht und für die ganz andere Regeln gelten, der, egal was passiert, absolute Loyalität zusteht. Das wurde für ganz viele Jahre als das normale Verhältnis, das eine Frau* zu ihrem Ehemann haben musste, angenommen. Hingabe ist meiner Meinung nach aber nicht das, sondern genau das Gegenteil. Eine freie Entscheidung, etwas wem anderen zu geben oder mit wem anderen zu teilen, weil diese Person uns wichtig ist. Und eine Entscheidung kann nur frei sein, wenn wir keiner Norm oder Vorgabe folgen, wenn wir sie treffen, und keine Konsequenzen fürchten, wenn wir sie nicht treffen.

Eine „wahre“ Beziehung ist in diesem Sinne authentisch und basiert auf dem, was da ist. Sie muss nie perfekt oder besonders sein, sondern einfach passieren. Während das Konzept der „wahren Liebe“ auf einem Bild basiert, das meistens von Normen vorgegeben ist. Wahre Beziehungen müssen nicht romantisch sein, können es sein, können es teilweise sein, können es werden, das kann man nicht immer im Voraus wissen. Beziehung ist irgendwie immer offen im Sinne von nicht kontrollierbar. Ich kann ein romantisches Gefühl oder ein sexuelles Bedürfnis immer haben, in jeder Beziehung. Diese sind dann nicht wahr oder weniger wahr, sondern einfach da. Das heißt nicht, dass ich alles immer umsetzen muss, aber dass wir uns ein wenig freier spüren könnten, wenn wir nicht davon ausgehen würden, dass gewisse Gefühle und Bedürfnisse nur in bestimmten Beziehungen „legitim“ sind. Beziehungen lassen sich in keine Kategorien reinpressen.

Egal, wie sehr wir die „wahre Liebe“ suchen werden, wird dieser eine Mensch, der uns heilen, retten und „alles in Ordnung“ bringen soll, nie in unser Leben kommen. Die perfekte Beziehung, wo alles passt, gibt es schlicht nicht. Wir werden eher viele Menschen kennenlernen, für die wir ganz unterschiedlich fühlen, die uns auf unterschiedliche Art dabei helfen, uns besser zu kennen, oder durch die wir was Neues erfahren.

Wenn wir nun von wahren Beziehungen und keinem Konzept der „wahren Liebe“ ausgehen, wird die Differenzierung zwischen „nur Sex“ und „Sex mit Liebe“ viel schwerer und nicht mehr so klar. Die Frage ist dann nicht mehr die nach dem Beziehungsstatus oder nach der Monogamie, nach der Häufigkeit, mit der man Sex hatte, usw., sondern vielmehr danach, welche Bedürfnisse hinter dem Sex stecken.

„Liebloser“ Sex: Bedürfnis nach Lust vs. „liebevoller“ Sex: Bedürfnis nach Nähe?

Vielleicht können wir uns die Frage anders stellen: Was brauchen Menschen, wenn sie „nur Sex“ haben? Wenn wir über „nur Sex“ reden, meinen wir meistens, dass wir durch Sex das Bedürfnis nach Lust (damit wären auch Bedürfnisse nach Spiel, Gestaltung, Ablenkung, Entspannung, Loslassen usw. gemeint) erfüllen. Das heißt aber nicht, dass wir, wenn wir „nur Sex“ haben, nichts währenddessen fühlen. Der Ausdruck „nur Sex“ betont aber den Aspekt der körperlichen Lust und wird wahrscheinlich eher diese Bedürfnisse ausdrücken. Menschen können sich aber wohl mögen und schätzen auch, wenn sie „nur Sex“ miteinander haben.

Was brauchen Menschen hingegen, wenn sie „Sex in der Liebe“ haben? Wir drücken meistens damit aus, dass wir durch den Sex das Bedürfnis nach Zuwendung, Zuneigung und Nähe zu einer anderen Person erfüllen wollen. Auch da heißt es nicht, dass wir, wenn wir Sex mit einer geliebten Person haben, kein Bedürfnis nach körperlicher Freude oder gemeinsamem Spiel erfüllen, sondern nur, dass wir mit dem Ausdruck eher betonen, dass wir durch den Sex Zuneigung und Nähe zu wem anderen erreichen wollen. Wir können aber auch Sex mit jemandem haben, weil wir diese Person lieben wollen und gleichzeitig dabei Freude und Lust empfinden.

Die Bedürfnisse nach Lust und nach Zuwendung/Nähe können also zusammenfallen, müssen aber nicht. Eine richtige Trennung ist dann schwierig, wenn wir nicht den Beziehungsstatus als Grenze zwischen „nur Sex“ und „Sex in der Liebe“ sehen, sondern unsere Bedürfnisse und unsere Gefühle für das Gegenüber. Auch wenn diese Differenzierung so schwerer wird, finde ich, dass sie der Komplexität der Menschen gerechter wird.

Noch eine Frage wäre die nach der Bewertung dieser zwei Begriffe:

Warum soll der Sex denn besser sein, wenn er auch das Bedürfnis nach Zuwendung erfüllt? Das hängt davon ab, was eine Person braucht. Da passiert oft ein Missverständnis, meiner Meinung nach, denn wir Menschen lernen leider oft, von einer Norm und nicht von unseren Bedürfnissen auszugehen.

Eine „typische“ Situation: Zwei Menschen, die sich schon seit einigen Monaten kennen, haben miteinander Sex. Danach denkt eine der zwei Personen, eine romantische Beziehung eingegangen zu sein. Die Enttäuschung ist groß, wenn die zweite Person ihr sagt, dass dies nicht ihre Absicht war, weil sie eben „nur Sex“ wollte. Die eine Person fühlt sich dann ausgenutzt und schlecht behandelt, die andere versteht nicht, wieso. Wenn aber vor dem Sex nie über eigene Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche gesprochen wurde, ist die schmerzhafte Situation keine böse Absicht, sondern vielmehr ein Missverständnis, weil diese zwei Menschen durch den Sex etwas anderes erfüllen wollten. Kein Bedürfnis ist mehr wert als das andere. Das Problem ist nicht, wenn Menschen „nur Sex“ wollen, sondern, dass der Sex auch Bedürfnisse nach Nähe und Zuwendung erfüllen kann. Damit müsste man natürlich schon achtsam umgehen. Wenn aber die eine Person denkt: „Ich habe nie was Romantisches für sie gemacht, nie Blumen geschenkt, zum Essen eingeladen oder so, warum soll sie denken, dass ich eine Liebesbeziehung will?“ und die andere: „Wenn man Sex hat, bedeutet das doch was!“, dann gehen beide Menschen von einer Norm, die sie gelernt haben, und nicht von ihren Bedürfnissen aus. Sex bedeutet nämlich immer was. Aber nicht immer dasselbe für alle Menschen.

Sex muss nicht die Krönung der Liebe sein und Liebe muss nicht die Basis vom Sex sein. Liebe und Sex sind zwei verschiedene Dinge, die zusammenfließen können oder nicht. Wie Liebe und Lachen, Liebe und Exklusivität, Liebe und gemeinsame Interessen, Liebe und freundschaftliche Gefühle usw.

Warum werden dann Liebe und Sex so sehr zusammengebracht? Wir haben gesehen, dass die christliche Tradition Sex als Mittel zur Fortpflanzung sieht, die (in Form der traditionellen Familie) das Ziel der Liebe ist. Diese Tradition ist die Basis unserer Gesellschaft und trägt zu einer gewissen gesellschaftlichen Ordnung bei, die für Gefühle der Sicherheit und Kontrolle sehr wichtig ist. Wenn der Sex exklusiv und „in der Liebe“ (also in der „festen“ Beziehung) gelebt wird, dann ist alles in bester Ordnung.

Allerdings sind Menschen auch unter anderem ethische Wesen, die sich meistens Dinge ausmachen können, wenn sie Gefühle und Bedürfnisse aussprechen und reflektieren. Normen können auch hier, wenn sie nicht hinterfragt werden, einengend wirken. Allerdings sind dann, wenn man außerhalb dieser Normen die eigene Sexualität lebt, eigene Ausmachungen notwendig, um sich selbst und andere emotional nicht zu verletzen. Das heißt nicht, dass Menschen, die Sex haben, entweder „nur Lust“ oder eine romantische Beziehung wollen und sich da auch laut aussprechen müssen. Menschen können sich zutiefst lieben, Sex haben und keine romantische Beziehung miteinander eingehen, genauso wie sie eine romantische Beziehung eingehen und (noch) keinen Sex haben oder miteinander Sex genießen und mit wem anderen eine romantische Beziehung eingehen. Alles ist möglich. Da aber Sex, eben wie davor gesehen, einer der möglichen Wege ist, durch den Menschen Bedürfnisse nach Zuwendung und Nähe erfüllen können, ist hier dann einfach eine besondere Vorsicht und Achtsamkeit gefragt (zu sich selbst und dem Gegenüber). Es kann auch sein, dass sich Bedürfnisse ändern. Zwei Menschen, die zu Beginn ihrer Beziehung durch Sex Bedürfnisse nach Lust und Spiel miteinander erfüllen wollten, können dann während ihrer Beziehung auch darauf kommen, dass sie sich sehr lieben und durch den Sex eine gewisse Nähe zueinander erreichen möchten. Das heißt auch nicht zwingend, dass diese zwei Personen nun zusammenkommen oder eine romantische Beziehung zueinander eingehen müssen, sondern nur, dass ein offenes und reflektiertes Gespräch darüber, welche Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche Menschen haben, absolut notwendig ist, um einen ethischen Umgang mit einer von Normen befreiten Sexualität zu betreiben.

Wenn man von den Gefühlen und Bedürfnissen ausgeht, statt von Normen, wird die Realität freier, aber auch komplexer, weil es keine „allgemeingültigen Regeln“ gibt (bis auf den grundsätzlichen ethischen Rahmen: einvernehmlicher Sex zwischen ebenbürtigen Erwachsenen). Diese Komplexität bietet aber auch die Möglichkeit, in einen Austausch mit dem Gegenüber zu kommen, in dem Bedürfnisse, Erwartungen, Wünsche und Gefühle Raum haben. Das kann auch eine große Chance für eine wahre Beziehung sein.

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