Wo beginnt Sex? Aus der Reihe „Es ist doch nur Sex!“

Über Sex wird viel gesprochen. Sexuelle Bilder sind eigentlich fast omnipräsent. In fast jedem Film, jeder Werbung, jeder Serie usw. werden Frauen*, Beziehungen, Berührungen, Gespräche und Geschichten sexualisiert dargestellt. Alle von uns wissen, was hiermit gemeint ist. Aber: Wo fängt denn Sex an?

Wo fängt denn Sex an?

Damit meine ich: Welche Handlung, Geste, Blick oder welches Wort ist schon sexuell? Wo ist diese Grenze, die eine Situation „sexuell“ macht? Wann können Menschen sagen: „Wir haben Sex gehabt“?

Diese Frage kann grundsätzlich nie von zwei Menschen gleich beantwortet werden. Allerdings haben die meisten Menschen eine klare Vorstellung davon, was Sex ist. Wenn jemand beispielsweise sagt: „Ich habe mit der*dem Sex gehabt“, denken die meisten nicht, dass die zwei Menschen miteinander „nur“ gesprochen haben.

Menschen setzen aber für sich selbst selten den Beginn von Sex beim „Akt“ selbst. Es gibt auch Situationen, wo zwei Menschen sich uneinig sein können, ob sie „schon“ Sex hatten oder nicht. Wie das? Stellen wir uns vor, zwei Menschen treffen sich nach einer gemeinsamen Nacht und eine Person meint, sie haben Sex gehabt, und die andere verneint es. Klingt es absurd?

Stellen wir uns vor, dass sie sich „nur“ geküsst haben. Da würden wahrscheinlich mehrere von uns denken: „Das ist doch noch kein Sex!“

Stellen wir uns jetzt vor, dass sie dabei nackt waren. Da würden wahrscheinlich noch viele denken: „Das ist „nur“ ein Vorspiel.“

Stellen wir uns weiter vor, dass sie nackt waren und zum Schluss Oralsex hatten, kam es aber zu keinem Orgasmus. Da spalten sich sicher die Geister, ob nun diese zwei Menschen Sex hatten oder nicht. Wenn aber unsere Geschichte so geendet hätte, dass die zwei Menschen einen Orgasmus gehabt hätten? Wäre das dann Sex? Oder immer noch nicht?

Sie sind sich offensichtlich auch uneinig.

Für eine Person gilt diese Gesamtsituation als Sex, für die andere (noch) nicht.

Warum ist es so wenig klar und definiert?

Kollektive Vorstellung: heteronormativer Ablauf

In unserem kollektiven Denken ist ein gewisser Ablauf gespeichert. Ein Mann und eine Frau treffen sich. Sie flirten. Dann fangen sie an, sich zu umarmen, zu streicheln und dann zu küssen. Sie gehen in den meisten Fällen an einen geschlossenen Ort und da passiert ein Vorspiel. (Das ist auch relativ standardisiert in den meisten Darstellungen: Gegenseitiges Ausziehen, Berührung und Küssen von allen möglichen erogenen Zonen, Oralsex und/oder Handstimulation). Anschließend passiert das, was in der heteronormativen Vorstellung „der Sex“ ist: die Penetration vom Mann in die Frau, also der typische Penis-in-Vagina-Sex. Meistens kommt es dann (zumindest bei dem Mann) zu einem Orgasmus und da ist es beendet. Wenn wir jetzt an Filme, aber auch an Pornos denken, wird der Sex fast nur in dieser Reihenfolge dargestellt. Es ändert sich natürlich das Verhältnis zwischen den Menschen, das Aussehen der Menschen, der Ort des Geschehens, aber grundsätzlich läuft Sex so ab.

Was aber hier spannend wird: Wer hat denn gesagt, was Sex ist und wie er ablaufen soll?

Wir haben alle einen gewissen Ablauf im Kopf, auch wenn wir sagen, dass wir eben keinen „typischen heteronormativen“ Sex haben, beziehen wir uns immer noch auf diesen Ablauf. Gibt es dann auch beim Sex eine Norm?

Da die meisten Menschen über ihr sexuelles Leben nicht wirklich offen und öffentlich reden, bleibt es immer ein wenig die Frage, ob diese Norm dann auch so gelebt wird. Fakt ist aber, dass in der Fantasie, in der Darstellung und auch in den Erzählungen oft dieser Ablauf erwartet wird.

Wie ich das meine?

Situation 1:
Ein Mann und eine Frau treffen sich auf einem Date. Sie mögen sich, fangen an zu flirten, dann sich zu berühren und zu küssen. Sie fahren dann zu ihm nach Hause. Am folgenden Tag erzählt er einem Freund: „Wir waren bei mir, alles war gut, wir haben angefangen, uns auszuziehen und dann ist aber nichts passiert.“ Er wirkt verwirrt und fragt sich, was in der Situation falsch gelaufen sein kann.

Situation 2:

Zwei Frauen* treffen sich auf einem Date und werden schnell körperlich. Sie verbringen eine Nacht gemeinsam, in der sie Sex haben. Alles ist schön gewesen, aber eine der Frauen* fragt sich, warum die andere nach einer Zeit, ohne dass sie zum Orgasmus gekommen ist, einfach mit der sexuellen Körperlichkeit aufgehört hat und plaudern wollte. Hat sie jetzt etwas Falsches gemacht?

Situation 3:

Zwei Menschen, die zusammenarbeiten, treffen sich für ein Abendessen. Am Rückweg will eine Person die andere heimfahren. Als sie im Auto sitzen, fragt eine die andere: „Willst du Sex haben?“, da die Person am Lenker auch Lust darauf hat, stimmt sie zu und die zwei haben Sex. Nachdem sie Sex hatten, lässt sich die eine Person wie geplant nach Hause fahren, weil sie nun zu müde für Plaudern oder noch einen Drink ist. Die andere fährt sie nach Hause und fragt sich, was das zu bedeuten hat, dass die andere Person „einfach so ohne Vorspiel“ Sex gewollt hat und dann heimfahren will. Ist das normal?

In der Situation 1 ist der Mann enttäuscht oder wenigstens überrascht, dass „nichts“ passiert ist. Er hat offensichtlich nach dem Flirten, Küssen und gemeinsam nach Hause fahren erwartet, dass er nun mit der Frau Sex hat. In der Situation 2 haben zwei Frauen* einen schönen gemeinsamen Abend und beide haben das Gefühl, Sex gehabt zu haben. Da aber eine nicht zum Orgasmus gekommen ist und nach einer Zeit die sexuellen Berührungen beendet und gerne plaudern möchte, ist die andere verunsichert, ob der Sex für ihre Sexpartnerin* wirklich gut gewesen ist. In der Situation 3 fragt eine Person die andere, ob diese Sex möchte. Da beide das wollen, tun sie das und nachher möchte sie einfach heimfahren. Die andere Person ist verunsichert, ob es „normal“ ist, dass sie Sex „einfach so ohne Vor- oder Nachspiel“ gehabt haben.

Ich sage nicht, dass wir alle solche Situationen erlebt haben, allerdings ist es sicher nicht absurd, die Erwartungen/Überraschungen/Unsicherheiten dieser Menschen nachzuvollziehen.

Wieso denn? Weil wir alle einen gewissen Ablauf, eine Ordnung gespeichert haben, wie sexueller Kontakt passiert. Dabei ist die Sexualität der Bereich im Leben der Menschen, der vielleicht am meisten frei und individuell zu gestalten und auszuleben ist. Was hat das mit unserer Frage zu tun? Viele (sicher nicht alle, aber viele) von uns lernen schnell, dass Sex der penetrative Akt ist (Penis-in-Vagina-Sex). Wenn das nicht passiert, ist noch kein vollständiger Sex. Alles, was davor geschieht, ist ein Vorspiel, das „in Stimmung“ bringen soll, alles, was nachher passiert, ist nicht mehr so relevant, weil ein Orgasmus schon gewesen ist. Auch nicht überraschend ist es, dass in den meisten Mainstreampornos (die eben nur eine Sex-Darstellung sein sollten) der Film mit einer Begegnung/Flirten/Vorspiel beginnt und so endet, dass der Mann einen Orgasmus hat. Das ist eben das Ende vom Sex. Wo fängt aber Sex in der Realität an? Das ist sicher sehr individuell, aber wie spürt man das?

Sex ohne Sex zu haben? Ist es möglich?

Die Frage, die vielleicht hier zentral ist, wäre: Was zählt überhaupt als Sex?

Unsere christlich geprägte Gesellschaft hat natürlich eine jahrhundertealte Tradition hinter sich, die Sex als reinen Fortpflanzungsakt gesehen hat. In diesem Sinne wäre Sex ausschließlich der penetrative Akt eines Mannes in eine Frau (am besten die Ehefrau) und natürlich nur, wenn diese keine Verhütung verwenden. Ansonsten zielt der Akt nicht auf die Fortpflanzung. Dass diese Vorstellung nun veraltet sei, brauchen wir überhaupt nicht diskutieren. Allerdings löschen wir nicht Jahrhunderte einer Tradition in ein paar Jahren. Unser ganzes kollektives westliches Denken basiert auf gewissen Mustern. So einfach ist es nicht.

Da wir aber heutzutage es „besser wissen“, können wir wenigstens diese Normen hinterfragen.

Ein queerer Blick auf die Sexualität könnte in diesem Sinne hilfreich sein, um zu merken, wie viele Möglichkeiten zum „Penis-in-Vagina-Sex“ existieren (auch für heterosexuelle Paare übrigens). Sobald kein Penis beim Sex beteiligt ist, sind die traditionellen Grenzen davon, wo Sex anfängt, nicht mehr so klar. Die Möglichkeiten werden breiter und kreativer. Man kann auch nicht mehr sagen, was ein Vorspiel ist und was „der Sex“ ist. Die Grenzen verschwimmen und Abläufe fließen ineinander. Das heißt nicht, dass, wenn ein Mann beteiligt ist, es einen Ablauf gibt, sonst nicht. Vielmehr bedeutet das, dass alle Menschen unabhängig von den Genitalien auch eine andere Form der Sexualität leben könnten, wenn sie aus dem Schema „Flirten-Küssen-Vorspiel-Penetration-Orgasmus“ herauskommen. Der queere Blick könnte einfach dazu verhelfen, an die Möglichkeiten zu denken. Das würde bedeuten, dass der Sex viel vor dem „eigentlichen“ Sex beginnt. Das bedeutet aber nicht, dass Sex dann mit Küssen oder mit Vorspielen beginnt, sondern vielmehr, dass es da vielleicht gar keine so strengen Regeln und Grenzen gibt.

Aber wenn Sex weit vor dem „eigentlichen“ Sex beginnt und der bekannte Ablauf nicht mehr gilt, wo ist dann die Grenze zwischen Sex und kein Sex?

Wir können da einige Möglichkeiten beobachten (diese sind immer nur Beispiele, es bleibt dabei, dass Sexualität zutiefst individuell ist. Keine Regel oder keine Theorie kann das Erkunden der eigenen Sexualität auf individueller Ebene ersetzen):

Sex ohne Körperlichkeit?

Kann Sex auch ohne Körperlichkeit passieren? Können Menschen Sex ohne Körperlichkeit haben? Und den Beginn vom Sex in einer nicht-körperlichen Handlung erleben?

Sex durch Sprache:

Menschen können tatsächlich Sex durch Sprache und Wörter haben. Einerseits kann das virtuell passieren, wie zum Beispiel beim Telefonsex oder beim Sexting (das Austauschen von sexuell anregenden Nachrichten und das gegenseitige Teilen von sexuellen Fantasien), bei denen Menschen ohne Körperkontakt sich sexuell anregen können. Dirty-Talk ist auch eine bekannte Möglichkeit, um Sex mit Wörtern zu haben. Der Dirty-Talk kann sowohl beim körperlichen Sex eingesetzt werden als auch per se eine sexuelle Handlung sein, wenn Menschen sich gerne auf sprachlichen Sex einlassen. In allen diesen Fällen können Orgasmen passieren, wenn beispielsweise Menschen sich gleichzeitig selbst befriedigen, muss aber nicht sein. Das ist keine Voraussetzung. Andererseits können Menschen einfach sexuell auf Sprache reagieren. Das heißt, dass es Menschen gibt, die das Gefühl haben, dass Sex für sie mit einem Gespräch oder einer Konversation schon begonnen hat. Das muss auch nicht zwingend auf die sexuelle Erregung abzielen (wie im Fall von Sexting oder Dirty-Talk). Menschen tun etwas, wenn sie sprechen, das heißt auch, dass sie sich unter anderem auch mit Sprache gegenseitig sexuell erregen und berühren können. Sex kann also auch mit Sprache und einem Dialog beginnen.

Sex und Blicke:

Wir sagen, dass eine Person uns „lieb“, „süß“, „streng“, „überrascht“, „interessiert“, „traurig“, „betroffen“, „wütend“, „enttäuscht“, „verliebt“ und auch „sexy“ angeschaut hat. Wie meinen wir denn das?

Menschen können uns scheinbar mit ihrem Blick wohl berühren und mit uns kommunizieren. Wir bekommen klare Gefühle und Empfindungen durch Blicke. Kann also Sex mit Blicken beginnen? Können Menschen Sex durch Blicke haben?

Wenn wir uns alle einig sind, dass, wenn eine Person eine andere „enttäuscht“, „wütend“ oder „überrascht“ anschaut, die andere die Enttäuschung, den Ärger, die Überraschung spürt, dann müssen wir auch davon ausgehen, dass sexuelle Blicke auch wirken können. Es gibt durchaus Menschen, die den Beginn vom Sex schon in einem Blick spüren und auch welche, die eine sexuelle Erfahrung durch Blicke erleben können.

Wenn wir dann nicht mehr an gegenseitige Blicke denken, sondern an visuelle Reize, haben wir eine noch weitere Spannbreite an Möglichkeiten. Viele Menschen erleben sexuelle Erregung und den Beginn vom Sex durch voyeuristische (also visuelle) Empfindungen. Erregung durch Bilder oder visuelle Reize kann natürlich auch eine vollständige Befriedigung sein, wie der Beginn vom Sex. Das ist auch sehr individuell. Was aber klar ist: Menschen brauchen auch hier nicht zwingend die Körperlichkeit, um Sex erleben zu können.

Sex als Dynamik und Spiel:

Sex kann aber auch ein Spiel oder eine Dynamik sein, die keine Körperlichkeit miteinbezieht. Wie das?

Vor allem in einigen Kink-Formen finden wir ein gewisses Spiel oder eine Dynamik, die sexuell erregen können, ohne dass die Körperlichkeit miteinbezogen wird. Wenn wir an ein Rollenspiel oder eine BDSM-Session denken, in denen keine Körperlichkeit vorhanden ist, dann sind wir vor einem Spiel oder einer Dynamik, die die Beteiligten sexuell erregen und auch von diesen als Sex wahrgenommen werden können, aber kein Berühren des Körpers vorsehen oder brauchen.

Es gibt gewisse und inszenierte Situationen und Dynamiken bzw. (Macht-)Spiele, die Menschen wohl sexuell erregen und befriedigen können. In diesen Fällen kann es sogar sein, dass eine Körperlichkeit gar nicht gewünscht ist (wenn das Teil vom Spiel/der Inszenierung ist) oder auch schon, es ist jedenfalls keine Notwendigkeit. Über BDSM habe ich eine Reihe in diesem Blog „Gedanken über BDSM-Praktiken“, die unter anderem auch diese Themen vertieft.

Sex mit Körperlichkeit?

Dass Sex mit der Körperlichkeit einhergehen kann, ist hingegen eine verbreitete Vorstellung. Allerdings finde ich, dass es auch hier einige Normen gibt, die der Realität nicht entsprechen. Diese Normen können, wenn nicht hinterfragt, Menschen in ihrem Ausdruck und in ihrer Kreativität dann auch einengen.

Eine von diesen Normen ist, dass die Penetration für ein sexuelles Geschehen immer notwendig ist.

Warum denken wir noch so peniszentriert?

Braucht Sex immer eine Penetration? Die klare Antwort ist nein.

In fast allen Darstellungen von Sex (auch in Filmen und Serien) ist aber meistens genau die Penetration die Handlung, um die sich der Sex dreht. Wenn wir an die christliche Tradition denken, ist eventuell teilweise eine Erklärung dafür zu finden. Der penetrative Akt (zwischen Mann und Frau und ohne Verhütung) ist der Akt, der zur Fortpflanzung beiträgt. Alles andere ist dafür unnötig.

Wenn wir aber aus dieser Denkweise austreten, ist die Penetration einfach eine der unzähligen Möglichkeiten, Sex zu haben (auch für Männer, übrigens). Diese kann eine angenehme Körperempfindung hervorrufen, wie auch nicht.

Es gibt Menschen, die die Penetration überhaupt nicht mögen und trotzdem gerne Sex haben. Das kann sich auch im Laufe des Lebens ändern und kann auch tages- und situationsabhängig sein, ob ein Mensch penetrativen Sex mag oder nicht.

Die Penetration muss auch (für alle Beteiligten) nicht zwingend zum Orgasmus führen, um „gut“ zu sein, und muss nicht zwischen Mann und Frau passieren. Jede Konstellation kann penetrativen Sex haben. Sowohl heterosexuelle als auch queere Paare brauchen zudem für die Penetration keinen Penis. Toys, Hilfsmittel & Co. sind dann auch genauso dafür funktional und gut. Das heißt: Die Penetration ist nicht nur kein Höhepunkt des Sex, sondern auch überhaupt nicht notwendig für die sexuelle Handlung. Wenn diese von allen Beteiligten gewünscht ist, ist dann die Penetration einfach eine der Möglichkeiten, die Menschen beim Sex haben.

Ich denke, dass das Wichtigste ist, in diesem Sinne aus dem Denken herauszukommen, dass Sex ohne Penis und Penetration kein „echter“, „ernster“ oder „vollständiger“ Sex ist.

Das würde sowohl heterosexuellen als auch queeren Menschen viele Wege und Möglichkeiten öffnen, um sich zu fragen: Wo fängt für mich Sex an? Was fühlt sich gut an? Was gefällt uns/mir am liebsten?

Sex mit Körperlichkeit und ohne Genitalienbeteiligung

Noch erwähnenswert ist die Körperlichkeit ohne Genitalienbeteiligung. Körperlichkeit kann sexuell sein, auch wenn die Genitalien weder berührt noch eingesetzt werden. Für einige Menschen kann diese Körperlichkeitsform sogar Sex an sich sein.

Die Inszenierung von Spielen und alles, was sexuell anregend sein kann und nicht mit der direkten Berührung der Genitalien zu tun hat, ist ein Beispiel dafür, aber auch die Stimulation von erogenen Zonen ohne Berührung der Genitalien.

Und nun: Was haben alle diese unendlichen Möglichkeiten gemeinsam? Sie regen die Beteiligten sexuell an. Warum das? Menschen haben die Fähigkeit, Situationen, andere Menschen und Momente für sich sexuell zu laden, sodass diese erregend wirken. Das, was sexuell geladen wird, ist für jede einzelne Person ganz individuell und auch bei der gleichen Person ist das normalerweise situationsabhängig.

Sexuelle und Emotionale Spannung

Zusätzlich zu den bisher erwähnten Möglichkeiten spielt bei unserer Frage „Wo beginnt denn Sex?“ unsere eigene Interpretation und Ladung einer Situation eine große Rolle. Das ist vielleicht sogar der gemeinsame Nenner aller Möglichkeiten, die man erwähnen kann. Deswegen sind die Wege der Sexualität so unendlich, weil, sobald für eine Person eine gewisse Situation, Empfindung usw. sexuell wird, eine Möglichkeit entsteht, in der Sex beginnen kann.

Eine große Bedeutung hat, um zu definieren, wo Sex beginnt, das, was wir fühlen und denken. Es muss auch nicht mit jedem Menschen gleich sein (diese Grenze). Vielleicht können wir uns das so vorstellen: Wenn ich eine Person sexuell anregend finde, sexuell begehre oder in sie verliebt bin, dann reicht wahrscheinlich eine Berührung, ein Blick oder eine Umarmung, die in anderen tausenden Situationen „nur“ eine freundschaftliche Umarmung wäre, um intensive körperliche und emotionale Reaktionen zu verursachen. Das ist für viele Menschen schon der Beginn von Sex. Auch ein „einfaches“ Hand-Halten oder ein Gespräch können also in so einer Situation als Sex-Beginn gesehen werden. Das passiert aber nicht, weil wir es grundsätzlich immer so fühlen, sondern weil wir einer bestimmten Situation mit einer bestimmten Person eine emotionale und sexuelle Bedeutung zuschreiben und wir uns dann so fühlen. Andererseits können auch eindeutig sexuelle Reize für uns neutral bleiben, wenn wir eine Person oder Situation nicht anregend finden. Wir bleiben dann gut abgegrenzt. Warum ist es so? Weil keine „objektiv“ sexuell anregenden Reize existieren, sondern individuell sexuell anregende Reize. Das, was „sexuell anregend“ ist, ist also immer individuell. Es gibt eindeutig sexualisierte Bilder, die kennen wir alle. Aber ob diese gewissen Bilder auch sexuell anregend wirken, das ist eine individuelle Frage (die vielleicht die meisten Menschen sogar verneinen würden?).

Das heißt, dass unabhängig davon, womit für uns normalerweise Sex beginnt und was für uns Sex überhaupt ist, unsere emotionale und sexuelle Ladung einer Situation oder Person eine große Rolle dafür spielt, was für uns schon sexuell oder (noch) nicht sexuell ist.

Ein letzter Punkt zu der Frage „Wo fängt Sex an?“ wäre für mich tatsächlich der Gegenpol: „Wo endet denn der Sex?“

Was ist das Ziel des Sex?

Ist ein Orgasmus immer das Ziel? Ich würde diese Frage persönlich so verneinen, genauso wie die Frage nach der Notwendigkeit der Penetration. Darstellungen von Sex und auch unsere kollektiven Vorstellungen, die auf gesellschaftlichen Normen basieren, suggerieren, dass der Orgasmus (meistens der männliche) als Abschluss und Ziel des Sex gilt. Der Orgasmus ist aber nur eines der möglichen Ziele des Sex. Wenn dieser als absolutes Ziel gesehen wird, ist das Risiko vorhanden, dass die Möglichkeiten der Sexualität eingeengt werden und gleichzeitig ein unnötiger Druck ausgelöst wird, immer und zwingend einen Orgasmus erreichen zu „müssen“.

Vielleicht wäre hier die grundsätzliche Frage: Was will ich mit Sex jetzt, in diesem bestimmten Moment erreichen?

Ich kann zum Beispiel Sex mit mir selbst haben, nur um Stress abzubauen, eine physische Reaktion auszulösen, die mir guttut, eine Fantasie sexuell umzusetzen, die ich in der Tat mit der anderen Person nicht umsetzen kann, etwas mit meinem Körper auszuprobieren, das ich (noch) nicht mit jemand anderem teilen möchte.

Spannend ist, dass wir meistens nicht uns selbst als Sexpartner*innen zählen, obwohl wir uns selbst die „treuesten“ Partner*innen sind. Und wie wir da beobachten können: Beim Sex mit uns selbst können wir sowohl eine emotionale Umsetzung einer Fantasie/eines Gedankens als auch die reine Masturbation erreichen. Die Sache ist nicht so anders als mit einem*r anderen Sexpartner*in (oder Sexpartner*innen).

Ich kann nämlich Sex mit jemand anderem haben, um körperliche Lust zu erleben, das nennen wir wahrscheinlich meistens „nur“ Sex.

Ich kann aber auch Sex mit jemand anderem haben, um dieser Person nahe zu sein, so nahe, dass ich gerne gewisse Grenzen überschreiten möchte, oder anders ausgedrückt, um diese Person auch auf diese Art zu lieben.

Damit meine ich nicht, ob der Sex in einer „festen“ Beziehung passiert. Eine Beziehung ist grundsätzlich immer vorhanden, wenn man sexuell miteinander wird. Es geht eher darum, welche emotionale Bedeutung dem Sex beigemessen wird. Er ist dann nicht mehr oder weniger wert, nur anders in der Bedeutung. Beides kann wichtig, befriedigend und schön sein.

Was Sex normalerweise aber in allen Situationen gemeinsam hat?

Er verursacht gewünschte körperliche und/oder emotionale Empfindungen in den beteiligten Menschen. Das heißt aber nicht, dass alle Menschen mit „gewünscht“ dasselbe meinen. Menschen wünschen sich grundsätzlich nicht gleiche Empfindungen. In einer BDSM-Session könnten die gewünschten Empfindungen auch mit Schmerzen, Angst, Kontrollverlust usw. gleichgesetzt werden, während in anderen Situationen mit Freude, Befriedigung, Zuwendung, Lust usw. Die Spannbreite ist hier groß und sehr individuell.

Das Ziel vom Sex ist je nach Person sehr unterschiedlich. Vom reinen Orgasmus, Ablenkung bis zu Nähe zu jemandem, vom gemeinsamen Spielen und Umsetzen von Fantasien bis zum kreativen Ausdruck und Zeichen der Liebe – es ist alles möglich. Die gleiche Person kann auch je nach Situation, Sexpartner*in und Bedürfnis durch Sex immer etwas anderes erleben wollen. Das ist auch absolut normal.

Das heißt, dass Sex keinen klaren Beginn und definiertes Ziel hat. Die Grenzen sind dann schwerer zu ziehen und das kann fast nur individuell und situationsabhängig gemacht werden. Bis auf den ethischen Rahmen, der natürlich die gemeinsame Basis für alle sein soll (also wir reden natürlich immer nur über einvernehmlichen Sex zwischen ebenbürtigen Erwachsenen), darf der Sex ein völlig freier Ausdruck der Menschen sein. Auch wenn die Abwesenheit von festen Zielen und Abläufen hin und wieder verwirrend sein kann, sind wahrscheinlich genau diese Freiheit und der Raum für Möglichkeiten, die die Sexualität zu so einem spannenden und freigestaltbaren Bereich des menschlichen Lebens machen.

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